Mein Wiesnrückblick

Seitdem ich denken kann, freue ich mich jedes Jahr auf das Oktoberfest, das ich mit fünf Jahren kurz nach dem Krieg das erste Mal besuchen durfte. Damals war die Wiesn noch klein und füllte nicht den ganzen Platz aus. Für mich gab’s eine Fischsemmel, wegen der ich sogar krank wurde. Gerne erinnere ich mich an die Fahrgeschäfte von früher, an das Hundetheater, wo die Hunde in Lederhosen und Dirndl auf ihren Hinterläufen herumspazierten, an den Vogeljakob, dem man gerne zuhörte, an den Toboggan, den wir “laufender Teppich” nannten. Als Kind wurde ich mit dem Bauch auf das Förderband gelegt, das mich nach oben brachte, um anschließend auf einem Teppich sitzend, eine rasante Rutschfahrt nach unten zu machen. Ein sensationell neues Fahrgefühl brachte der Rotor mit sich. Es gehörte für einen Zehnjährigen schon Mut dazu, durch die Fliehkraft an der Wand kleben zu bleiben, während man den Boden unter den Füßen verlor. Geduldig wartete jedes Mal meine Tante, bis ich wieder zurück kam. Lederhosen sah man damals keine auf der Wiesn. Jeder, der auf sich etwas hielt, zog seine enge Jeans an und kam sich im James Dean-Look unheimlich männlich vor. Damals waren die Bierzelte noch nicht wegen Überfüllung geschlossen. Es gab auch noch keine Security in den Zelten, und es war viel gemütlicher. Das Oktoberfest gehörte noch den Münchnern und nicht der ganzen Welt. Mit 16, als ich Lehrling war und mit der Firma hinausgehen durfte, hatte ich meinen ersten Vollrausch. Trotz meines hohen Alkoholspiegels stieg ich mit einem ebenfalls nicht mehr ganz nüchternen Kameraden im Teufelsrad in den Ring und legte einen Boxkampf hin, bei dem wir meistens auf der Drehscheibe lagen, deren Geschwindigkeit höher geschaltet wurde, wenn wir uns gar zu arg die Gesichter polierten. Wir wurden gefragt, wo wir her seien. Es kämpfte Trudering gegen Berg-am-Loam. Am Ende gab es keine Verlierer und wir löschten unseren Durst mit einer weiteren Maß. Für die ärmeren Wiesnbesucher gab’s die kostenlose “Zubanschau” im Freien, damals eine bekannte Zigarettenmarke, die damit Reklame machte. Seitdem hat sich viel geändert auf der Wiesn. Sie ist größer und ungemütlicher geworden und als grantelnder Münchner würde ich sagen: “De Wiesn is a nimmer des, wos scho amoi war!”

Hans Lehrer
23.09.2011