Meine Mutter

Mutter zur Zeit meiner Geburt Als mich meine Mutter mit 46 Jahren auf die Welt brachte, hätte sie leicht schon meine Großmutter sein können, noch dazu mitten im Krieg, wo überall große Not und Bedrängnis herrschte. Ihre Begeisterung über mich hielt sich deshalb in Grenzen, aber sie ließ es mich nie spüren, dass ich am Anfang nicht besonders erwünscht war; denn sie musste noch einmal von vorn beginnen mit der Kindswäsche, mit der Kindererziehung, mit der Einschulung mit den Aufregungen, die ein Kind verursachen kann aber auch mit den Freuden und der Abwechslung, die so ein Kind mit sich bringt.

Ich werde meiner Mutter immer dankbar sein, für die Liebe und die Fürsorge, die sie für mich stets empfand. Trug einst meine Mutter mich neun Monate unter ihrem Herzen, so lebt meine Mutter, die vor vierzig Jahren starb, in meinem Herzen, so lange es schlägt, weiter. Nie wieder bin ich einem Menschen begegnet, für den ich so viel empfand, wie für meine Mutter oder der es so ehrlich mit mir meinte, wie meine Mutter. Ich spüre, dass ich ein Teil von ihr bin und sie ein Stück von mir ist. Oft habe ich meiner Mutter Kummer und Sorgen bereitet und sie mit Problemen belastet, unter denen sie litt. Andererseits wollte ich meine Mutter nicht weh tun und verdanke ihr, dass ich Nichtraucher und kein Alkoholiker geworden bin; denn ich hätte es nicht übers Herz gebracht, in ihrer Gegenwart zu rauchen oder gar betrunken heimzukommen.

Als ich aus der Schule kam und den Ernst des Lebens besser erkannte, wollte ich, dass meine Mutter stolz auf mich ist und strengte mich in der Lehre an, gute Zeugnisse heimzubringen. Ich lernte vor allem aus Freude für meine Mutter, die im Leben so viele Enttäuschungen hinnehmen musste. Ich wollte etwas erreichen im Leben, gemeinsam mit meiner Mutter und nicht ohne sie und die Lorbeeren mit ihr teilen. Sie hatte mir so viele Fähigkeiten mitgegeben, die ich nutzen wollte und denke gerne an ihre Ratschläge zurück, die ich auch heute noch befolgen möchte. Von meiner Mutter lernte ich sparsam zu sein und mit dem Geld gut umzugehen. Ich erbte ihren Fleiß und ihre Bescheidenheit. Darüber hinaus versuche ich aber manches anders oder besser zu machen als sie. Schließlich leben wir in einer anderen Zeit mit ganz anderen Möglichkeiten. Aber die inneren Werte wie Aufrichtigkeit und Pflichtbewusstsein sind die gleichen geblieben. Vielleicht versuche ich über manche Sachen leichter hinweg zu kommen, gelassener als meine Mutter zu sein, eher zu verzeihen, wo mir Unrecht geschieht, Vorurteile auszuräumen, gegen die meine Mutter noch anzukämpfen hatte. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die zwei Hungersnöte und zwei Weltkriege durchmachen musste, darf ich in Wohlstand und Frieden leben und vergesse dabei aber nie, was für ein bitteres Leben meiner Mutter oft beschert war und sie trotzdem ihren Frohsinn, mit dem sie mich aufzog, nur selten verlor. Verzweifelt war meine Mutter öfters, ganz hoffnungslos war sie nie. Dafür war sie eine viel zu starke Kämpfernatur. Sie war für Gerechtigkeit und Ehrlichkeit und hasste Falschheit und Verlogenheit. Solche Menschen konnte sie nicht leiden und mied den Umgang mit ihnen. Nach all den Jahren kann ich ihr Verhalten gut verstehen und führe gerne Zwiegespräche mit ihr.

Hans Lehrer