Missgunst und Neid

Gäbe es auf der Welt weder Missgunst noch Neid, wären wir alle schon längst zu Heiligen geworden. So aber müssen wir uns mit der “Scheinheiligkeit” zufrieden geben. Zwischen Missgunst und Neid macht das Volk einen Unterschied. Die Missgunst ist mehr dem Mächtigen eigen, der Neid dem Schwachen. Dazu wissen die Leute, dass sich der Neid auf das Erreichbare richtet: Der Bettler beneidet den Bauer, aber nie den König.

Äußerlich zeigt sich der Neid oft in Gebärden. Der Blick des Auges verrät ihn. Obgleich der Neid dem Menschen keine Freude bereitet, sondern ihn nur unruhig und unzufrieden macht, so hat der Neidische doch die Kraft, den Unschuldigen in seinem Glück zu schädigen. “Alles was mit neidischen Blicken von Besuchenden angesehen wird, verdirbt nachher”. Die Speise drückt im Magen. Sobald ein Fremder die Stube betritt, versucht man schnell alles wegzuräumen, um keinen Neid zu erwecken.

Den “blassen, am Boden kriechenden” Neid, der nur auf das sieht, was ein anderer besitzt, kennzeichnet das Volk in manchem Sprichwort: “Der Neid frisst Vieh und Leut”. Man wehrt sich dagegen auf mannigfache Art. In der Umgebung von Roding in der Oberpfalz, bringen die Nachbarn dem jungen Kinde Semmeln und Zucker, damit es nicht neidisch werde. Man setzt gegen die Macht des Neides die Kraft des Gegenzaubers, z.B. in Form von Sprüchen. Das Vieh wird öfters beräuchert.

Der Ausspruch “toi, toi, toi, der heute meist als Glückwunsch im Sinne von “Es möge gelingen” verstanden wird, beruht auf einem Abwehrzauber gegen den Neid böser Geister. Um sie durch einen Glückwunsch nicht herbeizurufen, war es üblich, die Formel “unberufen” hinzuzufügen und durch dreimaliges Ausspucken, Klopfen auf Holz oder ähnliche Handlungen die Schutzwirkung zu bekräftigen. Der Ausspruch “toi, toi, toi” wurde anstelle für das Ausspucken verwendet, das seit dem 18. Jahrhundert zunehmend als unanständig empfunden wurde.

Der Neid ist übrigens nicht bloß ein menschliches Grundübel, sondern auch eine Eigenschaft der Götter. Daher rührt der Spruch: “Man soll den Neid der Götter nicht erwecken!” Die Götter sind eifersüchtig. Selbst Zeus, der höchste der Götter, ist in der griechischen Mythologie eifersüchtig. Er hat den Gott des Reichtums blind gemacht.

Dem Glück folgt der Neid. Ein langes oder großes Glück macht den Menschen misstrauisch. Die Folge von Neid sind zuweilen auch Schandtaten, die der Mensch wie unter einem Zwang vollführt. Ihre Strafe war schon immer hart.

Auch bei den Tieren gibt es Neidgefühle, die sich bei den Hunden vor allem um das Futter drehen. Mancher Hund, der für gewöhnlich völlig harmlos und freundlich ist, versteht bei einer Sache keinen Spaß: sein Futter! Futterneid ist ein Thema, das insbesondere mit Zweithund oder mit Hund und Katze zum Problem werden kann. Aber auch Affen können auf ungerechte Belohnung mit Neid reagieren.

Von Brotneid spricht man von Menschen und ihrem Konkurrenzverhalten beim Essen. Meistens sind es Kinder, die beim gemeinsamen Essen sich wechselseitig die besten Stücke streitig machen und gemeinsam gelegentlich mehr verzehren, als sie es bei getrennter Nahrungsaufnahme täten.

Neid ist eine der sieben Todsünden in der christlichen Lehre. Wenn uns trotzdem einmal diese Regung widerfährt, sollten wir uns darüber klar werden: Neid tut weh, er grämt uns und macht uns hässlich. Wir können uns schnell dem Neid entledigen, wenn wir uns über unser eigens Leben erfreuen, zufrieden sind und sich an die schönen Momente im Leben erinnern ... und uns an Jesus halten, der sagen würde: “Liebe kennt keinen Neid!”

Hans Lehrer