Singen ist die beste Medizin

“Wo man singt, da lass’ dich ruhig nieder, denn böse Menschen kennen keine Lieder“, besagt ein altes Sprichwort und hat ja so recht damit. Durch den Musikkonsum, den uns die technischen Möglichkeiten im Überfluss bescheren, werden wir immer mehr zu Zuhörern und vergessen oft, dass Gott uns eine Stimme gegeben hat, die nicht nur unserer Wortgewandtheit Nachdruck verleihen möchte, sondern viel mehr noch zum Singen einladen will.

Die ersten Volkslieder, die eine glückliche Kindheit bereichern, sind die Kinderlieder, die Kindersprüche und die Reime. Sie begleiten nicht nur alle großen und kleinen Feste des Jahres, sondern zeigen auch eine besonders innige Verbundenheit mit der Natur, mit den Jahreszeiten, besonders aber mit der Tierwelt.

Eines der ersten Lieder, die mir Mutter vorsang und das ich selbst bald singen konnte war:

“Maikäfer flieg!
Dein Vater ist im Krieg
deine Mutter ist in Pommerland
Pommerland ist abgebrannt
Maikäfer flieg!”

Bis zu meinem 3. Lebensjahr befanden wir uns in diesem schrecklichen Weltkrieg, dessen unsäglichen Leiden ich noch keinen Namen geben konnte.

Etwas später, aus meiner Kindergartenzeit, stammte das Lied, mit dem ich beim Vorsingen viel Lob erntete und anderen Freude bereiten konnte:

“Ward ein Blümlein mir geschenket
hab´s gepflanzt und hab´s getränket.
Vöglein kommt und gebet acht!
Gelt, ich hab es recht gemacht...“

Mein liebstes Wanderlied, das ich auf all meinen Fahrten, die mich bis nach Indien führten, anstimmte und auch heute noch auf meinen Wanderungen immer wieder singe, heißt:

“Wir wollen zu Land ausfahren,
über die Fluren weit,
aufwärts zu den klaren
Gipfeln der Einsamkeit.
Lauschen woher der Sturmwind braust,
schauen, was hinter den Bergen haust,
|: Und wie die Welt so weit!“

Mein schönstes Abendlied, indem sich all die Romantik und Sehnsucht widerspiegelt, die ich dabei empfinde, trägt den Titel:

“Es dunkelt schon in der Heide
nach Hause lasst uns geh’n
wir haben das Korn geschnitten
mit unserm blanken Schwert...“

Kirchenlieder gibt es mehrere, die ich gerne singe, aber ein Lied erweckt in mir besonders tiefe Ergriffenheit:

“Meerstern, ich dich grüße! - O Maria hilf!
Gottesmutter süße! - O Maria hilf!
Maria hilf uns allen aus unsrer tiefen Not!”

Wir sind gesegnet mit vielen schönen Liedern, alte und neue, lustige und ernste, übermütige und besinnliche, die der Tiefe des Herzens entspringen und auch wieder zu Herzen gehen. Als sich die Schultüre hinter mir geschlossen hatte, habe ich nicht aufgehört zu singen. Im geselligen Kreis oder allein, wenn das Glück mich überfällt und mein Herz sich ausjubeln will, aber auch wenn mich trübe Stunden heimsuchen und ich des Trostes bedarf, der in der Musik liegt, beginne ich zu singen und stelle immer wieder fest: “Singen ist die beste Medizin”!

Hans Lehrer