Spare in der Zeit ...

Als 1948 die Währungsreform eingeführt wurde, gab es das neue Papiergeld. Sogar die Zehn- und Fünf-Pfennig Stücke waren aus Papier und sahen wie große Briefmarken aus, denen die Zacken fehlten. Weil Metalle nach dem Krieg noch Mangelware waren, behielten die unansehnlichen grauen Pfennigmünzen aus dem 3. Reich, zumindest für eine Weile noch, ihre Gültigkeit, und ich begann mit großem Eifer, die Pfennige, von denen es viele gab, zu sammeln. Als die alte Sparbüchse, die noch aus der Schulzeit meines älteren Bruders stammte, bis an den Rand gefüllt war, brachte ich sie voller Stolz zur Sparkasse. Der Deckel wurde geöffnet und der gesamte Geldsegen auf ein Brett geschüttet, das mit einem Rand versehen war, damit nichts herunter fallen konnte. Um den Betrag leichter zählen zu können, musste ich immer fünf dieser Pfennigstücke zu einem Viereck aneinander reihen, so dass am Ende 132 Pfennig herauskamen, die ich gespart hatte. Der Betrag wurde in das Sparbuch aus dem Jahr 1939, auf dem das Wort “Hauptstadt der Bewegung” dick durchgestrichen war und das ebenfalls meinem Bruder gehört hatte, eingetragen. Es hätte mich nicht gestört, wenn das Ersparte in der Sparkasse geblieben wäre. Aber hinter mir stand der dicke Bäcker Huber, der Kleingeld benötigte und mein eifrig zusammen gespartes Geld schließlich in seiner Manteltasche verschwinden ließ. Geduldig versuchte man mir zu erklären, dass mein Geld nicht verloren sei sondern mit dem Sparbuch jeder Zeit wieder zurückgeholt werden konnte.

Der Ehrgeiz zu sparen nahm zu, als die Leute von der Sparkasse einmal im Jahr in unsere Schule kamen, um im Klassenzimmer die Büchsen der Kinder vor aller Augen zu leeren und anschließend die Beträge auf den Sparbüchern gleich gutzuschreiben. Jeder wollte natürlich der beste Sparer sein, um damit anzugeben. Anfänglich überlegte ich mir noch, ob es nicht besser wäre, meine kleinen Geldgeschenke, die ich vor allem von den Tanten ab und zu erhielt, am Kiosk sofort in Süßigkeiten umzusetzen. Aber nach meinem ersten Zahnarztbesuch ließ ich mich gerne davon überzeugen, dass zu viele Bonbons für die Zähne nicht gut sind.

In der 6. Klasse hatte ich bereits über 100 Mark auf dem Sparbuch, was 1954 ein kleines Vermögen war. Mutter wollte in unserem mühsam zustande gekommenen Einfamilienhaus nach vier Jahren endlich die Entwässerung einrichten lassen, um das Wasser nicht mehr aus dem Pumpbrunnen im Garten schöpfen zu müssen und eimerweise ins Haus zu tragen. Auch sollte der Abort vom Garten ins Haus verlegt werden, in den dafür vorgesehenen Raum, der bis dahin nur als Vorratslager für das Hühnerfutter gedient hatte.

Die Entwässerung machte uns Herr Hüttner, der damit einverstanden war, dass wir die Kosten von 1500 Mark monatlich mit 50 Mark abstottern durften . Allerdings konnte Mutter auch auf meine zusammen gesparten 100 Mark nicht verzichten und bat mich, sie ihr zu leihen. Darüber war ich sogar stolz, weil ich ihr damit helfen konnte. Natürlich gab ich ihr mein Geld, wusste ich doch, dass ich es später wieder zurück bekommen würde.

Das Sprichwort: “Spare in der Zeit, dann hast du in der Not”, nahm ich mir ein Leben lang zu Herzen. Deshalb habe ich auch noch nie etwas auf Raten gekauft sondern immer erst den Betrag zusammengespart, um etwas zu erwerben. Mit Geld richtig umzugehen ist für viele nicht einfach. Entweder man lernt es als Kind oder man lernt es nie.

Hans Lehrer