“Sparsamkeit ist nicht Geiz”

Unter diesem Titel stand in unserem Lesebuch der 3. und 4. Klasse eine Geschichte über zwei Einwohner eines abgebrannten Dorfes, die von Ort zu Ort gingen, um milde Gaben einzusammeln und dabei an einen Bauern gerieten, der sie eines besseren belehrte. Fast sechzig Jahre sind seitdem vergangen, dass wir dieses Lesestück durchgenommen haben, dennoch beeindruckt es mich in meinem Gefühl für Gerechtigkeit noch genauso wie früher.

“In Dingen von Mein und Dein versteht der Bauer keinen Spaß.” Den Satz kann man landauf, landab hören. Ohne Zweifel wird über das Vergehen gegen das Eigentum sehr streng geurteilt. Es wird dem Bauern schwer, seinen Besitz zu erweitern, Neues zum Alten hinzuzufügen. Er muss sparsam sein; nicht selten verengt sich die Sparsamkeit zur Knauserei und Knickerei. Da nun seine Habgier offen auftritt, nicht selten wie ein gutes Recht, so entsteht die Auffassung, dass die Geizhälse im Stande des Bauers und Kleinbürgers zahlreicher vorhanden sind, als in anderen Volksklassen. Sie finden sich aber in allen Ständen.

Für solches Unrecht hat das Volk ein sehr feines Gefühl. Es nimmt aber insbesondere dem Klerus die Hartherzigkeit sehr übel. Dem Gesinde soll man nichts am Lohne aus Geiz kürzen und den Armen nichts am Almosen. Sonst kann der Geizdrache erleben, dass ihm das zum Almosen bestimmte Brot in der Hand zu Stein wird.

Während sich der einfache Geizhals selbst nichts gönnt und darin eine Befriedigung sieht, scharrt der Habgierige, der meist schon viel hat, zusammen, um darnach zu genießen und natürlich bloß für sich.

Weit verbreitet ist die Hartherzigkeit, die sich in der Härte gegen die betagten Eltern bemerkbar machen kann. Man gönnt ihnen alsdann nicht, was ihnen zukommt, man sorgt nur für den Haushalt oder denkt nur an den eigenen Genuss.

In der Tat trennt den Menschen nichts mehr vom Menschen als der karge Geiz. Er lässt ihn die Liebespflicht gegen andere vergessen. Erschreckend sind oft die harten Äußerungen von Geizkragen. Selten ist ein Geiziger zu bekehren, höchstens, wenn der Geizteufel entdeckt, dass er an den Teufel selbst geraten ist.

Die Seelen der Geizhälse finden im Grab keine Ruhe. Sie müssen im Tode ihre Schätze bewachen und ewig ihr Geld zählen. Was ihnen aber sonst eine Freude war, ihr Geld zu hüten und zu zählen, wird ihnen nun zur Qual. Sie warten darauf, dass sie von ihrer qualvollen Arbeit erlöst werden und zur Ruhe kommen. Die ewige Ruhe ist eine Wohltat. In ihr findet die arme Seele ihre Erlösung.

“Das ängstliche oder gierige Festhalten des Gewonnenen” verlässt den Geizigen nicht im Angesicht des Todes. Er gönnt sein Geld lieber dem Teufel als seinen Kindern.

Zum versöhnlichen Ausgang meiner Geschichte möchte ich jenen Bauern im eingangs erwähnten Lesestück zitieren, der als geizig eingeschätzt wurde, aber nur sparsam war. Seine Sparsamkeit begründete er damit, dass ihm dadurch so viel übrig bleibt, um Notleidenden helfen zu können.

“Geiz ist geil!” Diese Einstellung will uns die Werbung suggerieren. Doch was sagt Jesus dazu? Ein Beispiel: “Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt.”
(Lukas 6,24).

Sicher gibt es auch Vergebung. Aber ein Reicher, der ohne Mitleid lebt und nur von seinem Überfluss ein wenig abgibt, dem nützt auch ein “wahrer Glaube” nichts.

Hans Lehrer