Unsterblich bis in alle Ewigkeit

Die Ewigkeit spielt in der Glaubensweise der Menschen eine große Rolle, alleine schon deshalb, weil sie einfach unfassbar ist. Vergeblich zerbricht man sich darüber den Kopf und kommt zu keiner Erkenntnis. Erst durch das Christentum ist der Begriff der Ewigkeit in unsere Kultur gelangt. In der volkstümlichen Vorstellung ist die Ewigkeit oft nichts anderes als eine unausdenkbar lange Zeit, die man mit einem Vogel vergleicht, der alle 100 Jahre einmal seinen Schnabel am Demantberg wetzt, der eine Stunde hoch, eine Stunde breit, eine Stunde tief, eine Stunde lang ist. Diese Geschichte vom “Hirtenbüblein“ stand in unserem Lesebuch für das 3. und 4. Schuljahr: “Wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei.” Als zehnjähriges Kind interessierte mich die Ewigkeit kaum, hatte ich doch noch ein langes Leben vor mir. Aber im Alter beschäftigt mich diese Frage genauso, wie damals den König, der vom Bübchen wissen wollte, wie viele Sekunden die Ewigkeit hat.

Das Interesse des Menschen an der Ewigkeit gründet naturgemäß in dem Glauben an das ewige Schicksal, ans ewige Leben und tritt dabei häufiger zutage in der Furcht vor ewigen Höllenstrafen, die auch als das ewige Feuer bezeichnet werden, gegen welches nur Fürbitten schützen können. Eine Einwirkung auf das ewige Los kommt auch dem ewigen Gebet zu, das von morgens 6 Uhr an 24 Stunden dauert. Ein Symbol der Unvergänglichkeit des himmlischen Segens ist das ewige Licht, das man für die armen Seelen im Fegfeuer brennt.

Auch die Unsterblichkeit, die eng mit dem Tod zusammen hängt, hat das Denken der Menschen zu allen Zeiten beschäftigt. Wobei man insgeheim hofft, dass nicht nur der Mensch sondern alles Lebende im tiefsten Grunde unvergänglich ist. Bereits in vorchristlicher Zeit glaubte man, dass der ganze Mensch, wie er gelebt hatte, weiter existiere und zuweilen auf der Erde einhergeht. Auch den alten Christen galten die Toten als die Schlafenden (Paulus). Bei den Griechen hießen die Friedhöfe Schlafstätten. Der Tod ist dasselbe wie der Schlaf, allerdings mit der Hinwendung zum wahren Erwachen oder wahren Geborenwerdens. Diese Erwägung bringt den griechischen Dichter zu der Frage: “Wer weiß denn, ob das Leben nicht ein Sterben und im Tod die Seele zu ihrem wahren Leben erwache!”

Die Seelenidee scheint erst ziemlich spät mit dem Gedanken der Unsterblichkeit verbunden worden zu sein. Die Seele ist in den Leibkörper eingeschlossen, die nach dem Tod den Aufstieg zur Welt der Unsterblichkeit vollführt und so lange nun in Gott ruht, bis sie dereinst durch schöpferischen Gottesakt einen neuen verklärten Leib empfängt.

Die entschlossene Ablehnung der Unsterblichkeit, wie wir sie von dem Philosophen Schopenhauer her kennen, zeigt sich gewöhnlich in Verbindung mit starrem Pessimismus. Viele fühlen sich auch zufrieden in der diesseitig begrenzten Weltlichkeit und sind darin heimisch. Die meisten Kulturmenschen, denen materielle Angelegenheiten wichtiger sind als geistige Fragen, gehen an dem Problem der Unsterblichkeit, das den Sterbenden genauso wie den Überlebenden angeht, einfach vorüber oder scheuchen es als unbequem weg.

Hans Lehrer