Onkel Ludwig

Er war der jüngste Bruder meines Vaters und kam am 10. Januar 1899 auf die Welt. Leider noch so rechtzeitig, dass er 1917 in den 1. Weltkrieg ziehen musste, wo er einen schlimme Kopfverletzung erlitt, mit der sein Leben an einem seidenen Faden hing. Er überlebte! Doch zeitlebens konnte man das Loch, über das eine Haut gewachsen war, auf der Schädeldecke sehen. Vielleicht war das auch der Grund, dass mein Onkel so leicht erregbar war und gerne wütend wurde. Obwohl er nie geheiratet hatte, legte er großen Wert auf Familientradition und hielt viel von seinem evangelischen Glauben, dafür leider gar nichts von meiner Mutter, die uns Kinder katholisch werden ließ. Zornig rief er aus: “Einen katholischen Lehrer gibt’s nicht!” und ließ uns Kinder das manchmal spüren, während wir, im Gegensatz zu ihm, kein Problem mit den beiden Konfessionen hatten und darin sogar eine Bereicherung sahen.

Nach dem Krieg besuchter er die landwirtschaftliche Winterschule in Wolfratshausen und fand eine Anstellung in der Moorkultivierung in Benediktbeuern, bis er an den elterlichen Hof zurückkehrte, wo er mit seinem Bruder und seinen beiden Schwestern, die alle ledig geblieben waren, bis zu seinem Lebensende die Landwirtschaft betrieb.

Sicher mag es Ehrgeiz gewesen sein, der den Onkel Ludwig zu einem knauserigen Menschen werden ließ, wobei er in der Vermehrung des Besitzes sein größtes Lebensziel sah. Er wollte kein Kleinbauer sein sondern “Großgrundbesitzer” werden und begab sich auf “Schnäppchenjagd” um Felder und Wälder, die billig hergingen, zu erwerben.

Da er sich mit meiner Mutter nicht verstand, hatte auch ich zu ihm ein zwiespältiges Verhältnis und hegte bereits als Kind den Verdacht, er würde gerne alles für sich allein haben. Meine Mutter prägte damals über ihn den Spruch: “Was dir gehört, gehört mir und was mir gehört, geht dich nichts an!”

Mein Vater, der als einziger nicht auf dem Hof lebte, mochte alle seine Geschwister und ließ nie ein böses Wort über sie verlauten. Das ärgerte zuweilen meine Mutter, die ihren Mann mit seinen Geschwistern nicht gerne teilen wollte.

Heute ist Onkel Ludwig schon längst tot, und nach vielen Jahren sehe ich ihn in einem milderen Licht. Er tut mir sogar leid, dass er zum Schluss alles zurücklassen musste und “nichts mitnehmen” konnte.

Es gab auch gute Stunden mit ihm ... wenn ich ihm bei der Arbeit helfen durfte und er mich in den Wald mitnahm, um Bäume zu fällen und die Stämme zu bearbeiten. Er lobte mich und sagte, dass ich mit der Wiegensäge schon sehr gut umgehen könne, eine lange Säge, die an beiden Enden einen Griff hatte und abwechselnd in die eine und in die andere Richtung gezogen wurde. Ich half ihm auch bei der Stallarbeit, musste mich aber vor dem schwarzen Ross, das genauso hieß wie ich, in Acht nehmen, da es wild und aufbrausend sein konnte, wenn ich in seine Nähe kam, wie halt der Onkel zuweilen auch. Entlohnen ließ ich mich meist durch alte Silbertaler, die noch vom Großvater stammten und vom Onkel verwahrt wurden. Sang ich ihm ein bekanntes Kirchenlied vor, kam prompt die Antwort, dass dieses Lied von den Katholischen gestohlen worden sei. Ja ... so war mein Onkel, unverbesserlich und intolerant. Eigenschaften, die ich versuche, zu vermeiden. Allerdings lebten wir kurz nach dem Krieg in einer anderen Zeit, wo die Not noch spürbar war und jeder ums Überleben kämpfte, wo noch allgemeines Misstrauen herrschte und die Habgier besonders ausgeprägt war. Meine Geschwister und ich waren als nachfolgende Generation seine nächsten Angehörigen. Manchmal wusste er dies zu schätzen und begann mit uns ein vertrauliches Gespräch. Er nahm mich mit nach Benediktbeuern und zeigte mir, wo er einmal in der Moorwirtschaft gearbeitet und bei wem er gewohnt hatte. Brachte ich ein schlechtes Zeugnis heim, kramte er seine alten Schulzeugnisse heraus und hielt mir seine guten Noten unter die Nase.

Zum Schluss wurde unser Verhältnis arg getrübt, durch eine Frau, die ihn gerne geheiratet hätte, um an seinen Besitz zu kommen. Onkel Ludwig war jedoch so klug, sich nicht einwickeln zu lassen. Das gelang auch dem evangelischen Pfarrer nicht, der ihm bereits auf dem Sterbebett liegend noch ein Testament abzudrucken versuchte, das jedoch ungültig war, da der Pfarrer es selbst verfasst hatte.

Mein Onkel musste daheim buchstäblich verhungern, weil er am Mageneingang ein bösartiges Geschwür hatte, das jede Nahrungsaufnahme verhinderte. Ein Krankenhausaufenthalt oder ein operativer Eingriff kamen für ihn nicht in Frage.

Der Tod heilt alle Wunden. Heute denke ich nur noch an die guten Seiten, die mein Onkel hatte ... und das waren nicht wenige. Toten soll man nichts Schlechtes nachsagen sondern versuchen, es besser zu machen.

Hans Lehrer

Lebenslauf

Unterzeichneter wurde am 10. Januar 1899 in Trudering b. München als der Sohn der Landwirtseheleute Philipp u. Elise Lehrer, evang. konf. geboren. In meinem 5. Lebensjahr wurde ich durch Unglücksfall an der Futterschneidmaschine des Mittelfingers der rechten Hand verlustig. Genügte ab 1. Mai 1905 - 15. März 1915 meiner 10jährigen Volksschulpflicht, davon 5 Jahre in Trudering, 2 Jahre in München und 3 Jahre in Perlach.

War bis zu meiner Einberufung zum Heeresdienst am 11. Aug. 1917 auf dem elterlichen Anwesen als Landwirt tätig. Wurde am 29. September 1918 in Flandern durch Granatsplitter verwundet. Besuchte die beiden Landwirtschaftskurse der landw. Winterschule Wolfratshausen und die kaufmännischen Handelskurse in München in der Zeit vom 4. Nov. 1919 - 12. März 1921. War vom 1. April 1921 - 15. Februar 1923 als Kulturvorarbeiter in der Moorwirtschaftsstelle, Benediktbeuern tätig. Bin seit dieser Zeit bei meinem Vater in Trudering als Landwirt beschäftigt.

Trudering, den 5. Dez. 1926
Ludwig Lehrer