Truderinger Fasching

Endspurt im Fasching.

Das war im alten Trudering die Zeit, wo sich alle Narren am Faschingssonntag in der Truderinger Straße vor der Gastwirtschaft Obermaier aufhielten. Die Faschingsdienstaggaudi, verlagerte sich, vor allem für uns Kinder, in den Hof der Schreinerei Eckstein.

Als kleiner Bub erinnere ich mich, dass meine Schwester Paula natürlich auch immer auf den Hausball zum Obermaier ging, wo sie leider den "geldigen" Töchtern, wie der Kraft Annelies’ und dem Jung Annerl das Wasser nicht reichen konnte. Dafür war Paula immer reich an guten Einfällen. Einmal ging sie als Hausierer mit selbst angefertigten und angeklebten Augenwimpern aus Papier und ein anderes Mal fuhr sie als Schulmädel verkleidet mit dem Ranzen auf dem Rücken auf dem Radlrutsch (Roller) in den Ballsaal hinein. Doch einmal packte sie der Ehrgeiz, und sie wollte ebenfalls mit einem Abendkleid erscheinen.

Nach dem Krieg war sie ja schon ausgelernte Schneiderin und nähte Tag und Nacht an ihrem Abendkleid, das nur den Nachteil hatte, dass der himmelblaue Flanellstoff nicht viel hermachte. Der Obermaier Josef sagte zur Kraft Annelies‘, die in einem schönen Abendkleid erschien, "Respekt Annelies".

Meine Schwester wurde mit fast keinem Blick gewürdigt. Als Bub fand ich sie in dem Abendkleid jedoch traumhaft schön, und als es später ungenutzt in ihrem Schrank hing, zog ich es immer wieder gerne auch unterm Jahr an, obwohl es mir viel zu lang war. Da halfen auch ihre Pumps nichts, die mir natürlich ebenfalls viel zu groß waren. Aber für mich war eigentlich das ganze Jahr über Fasching; denn ich liebte die Verkleidung über alles. Dazu gehörte auch, dass ich die verschiedenen Damenhüte von Paula und Mama aufsetzte und mich im Spiegel damit betrachtete.

Unvergessen bleiben mir die Hausbälle am Dukatenweg in Paulas Ein-Zimmer-Wohnung, die sie mit ihrem Mann veranstaltete und zu dem meine Mutter und ich geladen waren. Mein Schwager hing mir mit 11 Jahren den ersten großen Vollrausch an, indem er mir Nusslikör und anderen billigen Fusel, den er in der Kepa gekauft hatte, immer wieder nachschenkte. Überrascht waren wir, als auch meine Mutter einmal maskiert auf den Ball kam und sich mit einem quer gestreiften Seemannshemd in meine Jeanshose gezwängt hatte, die ihr natürlich zu eng war. Für ihre kleine Tochter aber nähte Paula die schönsten Faschingskleider und dachte daran, dass sie in ihrer Kindheit selbst als Rotkäppchen gegangen war.

Hans Lehrer