Truderinger Jungfrauen

Allein und verlassen steht das Mädchen da, das rechts auf dem Bild am Straßenrand vor dem Bognerhof in Trudering zu sehen ist und sich am 27. Juni 1920 die Prozession anlässlich der Enthüllung des Kriegerdenkmals anschaut, bei der sie nicht mitgeht. Das hat auch einen bestimmten Grund. Sie ist keine gebürtige Truderingerin. Ihr Vater, Paul Trinkl, kaufte 1917 den Bognerhof. Da war sie elf Jahre alt. Vorher war er Ziegeleiverwalter in Bogenhausen gewesen und konnte mit seinem Ersparten den Hof erwerben. In Trudering waren sie Fremde, die für Unruhe sorgten; denn Paul Trinkl brachte vier Töchter im heiratsfähigen Alter mit. Viele der Truderinger Jungfrauen, von denen eine Abordnung auf dem Bild in ihren weißen Kleidern zu sehen ist, waren ernsthaft besorgt, dass ihnen die “Dahergelaufenen” aus der Stadt einen Bräutigam wegschnappen könnten. Als sich die jungen Damen, alles bildsaubere Madl und gute Tänzerinnen, mit etlichen Truderinger Burschen auf dem Tanzboden anfreundeten, oder sich bei der Bahnfahrt von Trudering zum Ostbahnhof näher kamen, gab es einen regelrechten Aufstand. Anonyme Briefe wurden verfasst und verschickt. Weil Paul Trinkl eine Schafherde hatte, wurde seine ältere Tochter als “Schäferstochter” verächtlich gemacht, die jüngere Schwester geringschätzig eine “Städtische” genannt, und die mittlere wegen ihrer tiefschwarzen Haare als “schwarze Rebecca“ beschimpft. Das war jedoch kein Hinderungsgrund, dass alle eine gute Partie in Trudering machten und mit der Zeit zu alteingesessenen Truderingern wurden. Drei der vier Schwestern fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem Riemer Friedhof neben ihren Truderinger Ehemännern. Im Gegensatz zu mancher Truderinger Jungfrau musste keine von ihnen ledig bleiben.

Hans Lehrer