Unsere Haustiere

Bereits während des Krieges und auch noch lange Zeit danach waren unsere Haustiere wichtig fürs Überleben. Meine Erinnerung reicht zurück bis ins 4. Lebensjahr, als Mutter ein paar Truthennen und Truthähne fütterte, um sie zu schlachten. Die Tiere konnten mich nicht leiden, sträubten ihr Gefieder wenn sie mich sahen und griffen mich an, sobald ich auch nur in ihre Nähe kam. Vielleicht lag die Schuld an mir, weil ich den Tieren gerne nachrief: “Bibergockel mit der langen Rotzglock’n!” und sie damit in Wut versetzte.

Mit unserer Ziege der Liesl, die wir eines Tages bekamen und die mein Bruder sogar auf der Schulter nach Hause trug, war das schon besser. Nur ab und zu schubste sie mich mit den Hörnern. Obwohl mir ihre Milch, besonders im Kaffee, überhaupt nicht schmeckte, war ich gerne in ihrer Nähe, weil sie mich an das Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein erinnerte. Als sie dann noch ein Junges, die Gretl, auf die Welt brachte, hatten wir zwei Ziegen, die uns mit Milch versorgten. Später kam sogar noch eine dritte Ziege, die Mecki, hinzu. Ich kann mich auch noch an unsere Schafe, vor allem an den Vinzenz erinnern, den Mutter im Sommer einmal mit der Herde des Schäfers mitlaufen ließ. Besonders verärgert war sie, als der Schäfer den Vinzenz austauschte und ihr ein hinkendes Schaf zurückgab. Die Schafe wurden geschoren und so bekamen wir Wolle, mit der sich viel anfangen ließ. Hinter unserem Anwesen verlief die Bahnlinie München-Rosenheim. Ziegen und Schafe weideten gerne auf den Bahngleisen, weil dort besonders viele saftige Kräuter wuchsen. Einmal bekam unser Nachbar, die Süddeutsche Viehverwertung, vom Stationsvorstand einen Anruf, wem die Tiere auf dem Bahngleis gehörten, weil sie den Zugverkehr behindern würden. Die Züge fuhren damals noch eher selten.

Nach dem Krieg hatte Mutter die Idee, Truthähne gegen ein Ferkel einzutauschen, um mehr Fleisch zu bekommen. Nachdem eine Ziege die eigene Nachgeburt gefressen hatte, schmeckte die Milch von ihr nicht mehr so gut und Mutter fütterte das Schwein mit der Ziegenmilch. Damit gedieh das Schwein schnell und prächtig, so dass es schon nach kurzer Zeit geschlachtet werden konnte. Das musste allerdings heimlich geschehen, weil in der Zeit, wo es noch Lebensmittelmarken gab, jede Hausschlachtung meldepflichtig war. Diese Verordnung wollten meine Eltern natürlich umgehen und gaben lieber dem Metzger, der die Sau mit einem Bolzengewehr erlegte und anschließend schlachtete, ein Stück Fleisch ab. Als er dabei sein Ziel zunächst knapp verfehlte und das Tier nur am Ohr traf, begann dieses fürchterlich zu brüllen, und wir mussten schon befürchten, dass die Nachbarn Wind davon bekamen.

Unsere beiden Katzen Mucki und Moni, die übrigens sehr verstohlen waren, brauchten wir zum Mäusefangen. Zwei Mal im Jahr bekamen sie Junge, die unsere Mutter, bis auf eines, sofort auf den Pflasterboden warf und kaputt machte. Für mich als kleines Kind war das jedes Mal ein schrecklicher Anblick. Ebenso erging es mir, wenn Mutter einer toten Katze noch das Fell abzog, um es gerben zu lassen. Katzenfelle sind ja gut vor allem gegen Gelenkschmerzen.

Natürlich hatten wir auch eine große Hühnerschar, die uns die nötigen Eier bescherte. Als einmal ein amerikanischer und noch dazu ein farbiger Soldat die Herausgabe sämtlicher Hühner von unserer Mutter forderte und dabei eine drohende Haltung einnahm, konnte ihn Mutter doch noch dazu überreden, sich nur mit Eiern zufrieden zu geben und händigte ihm schweren Herzens den Eierkorb aus.

Drei Gänse und fünf Enten waren nicht nur begehrt wegen ihrer Federn, sondern sorgten auch acht mal im Jahr für einen Festbraten, vor allem auf Kirchweih und Weihnachten.

Es war auch nicht einfach, das Futter für die Tiere herzukriegen. Dabei war es gut, dass wir im Anwesen meiner Großeltern mit einem geräumigen Hof und einer großen Wiese wohnten, wo sich die Tiere hauptsächlich selbst ernähren konnten. Auf einem Grundstück in der Nähe baute Vater Runkelrüben für die Ziegen und Schafe, Gerste für die Hühner und Kartoffel für die Gänse und Enten an. Den Rest holten wir uns beim Onkel, der jenseits der Bahnlinie einen Bauernhof hatte und uns seit meiner Geburt auch jeden Tag mit einem Liter Milch versorgte.

Obwohl man damals von der “schlechten Zeit” sprach und andere noch viel weniger hatten als wir, verspürte ich als Kind keinen Mangel. Man war einfach mit dem zufrieden, was man hatte.

Vielleicht mangelt es heute vor allem an der Zufriedenheit, dass so viele Menschen nicht glücklich sein können.

Hans Lehrer