Barfuß und barhaupt

Das Gebot der Barfüßigkeit und das Entblößen des Hauptes sind Audruck der Huldigung, Ehrfurcht und Demut vor dem Göttlichen. Im alten Testament befahl Gott dem Moses, seine Schuhe auszuziehen, als er sich dem brennenden Dornbusch näherte, und später durften die Gläubigen nur barfuß den Tempel betreten. Noch in heutiger Zeit gibt es christliche Prozessionen, bei denen diese Kultvorschrift gilt, und so war ich schon als Kind tief beeindruckt, wenn am Karfreitag der Pfarrer mit seinen Ministranten sich strumpfsockert dem Kreuz näherte, das auf den Stufen des Altares lag.

Die Erde ist aber auch eine gewaltige Kraftquelle und ihre übernatürlichen Kräfte strömen bei unmittelbarer Berührung in den Menschen hinüber, besonders im Frühjahr, wenn sie zu neuer Fruchtbarkeit erwacht. Wer im Tau barfuß geht, dem werden alle Unreinigkeiten aus dem Leibe gezogen, doch ist es nach dem Glauben im bayerischen Wald ratsam, erst nach Ostern barfuß zu laufen, weil dann die Erde geweiht ist. Beim Viehaustreiben durften die Magd oder der Hirte nicht barfuß gehen, damit das Vieh nicht hinkend wurde. In früheren Zeiten hielten die Mütter streng darauf, dass die Kinder nicht eher barfuß liefen, bis dass der Kuckuck gerufen hatte. - In frischem Schnee barfuß zu laufen, bis die Füße brennen, hilft wiederum gegen Frostbeulen.

Oft ist das Entblößen der Füße mit dem Entblößen des Hauptes verbunden und Teil des Ritus bei Gebet und Opfer. Wer sich im ersten Mairegen aber barfüßig und barhäuptig im Kreise dreht und an den Heilzauber der Natur glaubt, dem wachsen die Haare. In den Rechts- und Volksgebräuchen spielt das Entblößen des Hauptes beim Schwören und bei Trauerfällen eine Rolle. Während der Beerdigung haben die Männer das Haupt entblößt, aber bei der Leiche darf man nicht mit bloßem Haupte stehen, sonst fallen die Haare aus.

Hans Lehrer