Kalendergeschichten

Von meinem Großvater habe ich als Hinterlassenschaft unter anderem auch einen Stoß vergilbter Hauskalender bekommen, deren ältester aus dem Jahr 1893 stammt. Auf den vorderen Seiten führte er über die zwölf Monate hinweg jeweils Buch über seine Einnahmen und Ausgaben, vermerkte, wann er eine Kuh zugelassen hat oder ein Pferd beschlagen ließ, wann er einen Iltis oder einen Marder fing, oder das Korn angebaut hat. Den 24. März 1905 versah er mit einem Sterbekreuz; denn an diesem Tag war um 8 ¼ Uhr morgens seine Tochter Kathi mit 14 Jahren an einer Gehirnhautentzündung gestorben. Ich bin mir sicher, dass er auch allerlei Wissenswertes aus den Kalendern herausholte und gerne die Geschichten las, die im hinteren Teil abgedruckt waren und der Unterhaltung dienten.

Mit dem Wort Kalender bezeichnet man das Verzeichnis der nach Wochen und Monaten geordneten Tage eines Jahres nebst Angabe der Feste, der Mondphasen, des Auf- und Untergangs der Sonne und verschiedener anderer astronomischer Ereignisse. Bei den alten Griechen und Römern beruhte das Kalenderjahr auf dem Mondjahr. Erst Julius Cäsar schuf im Jahr 46 v. Ch. durch die Einführung des nach ihm benannten julianischen Kalenders den Ausgleich mit dem Sonnenjahr. Bei den Deutschen lässt sich ein vorrömischer Kalender nicht nachweisen, doch hat die Mehrzahl der Germanen den julianischen Kalender in der Form, welche er seit 8 n. Ch. hatte, schon zur Zeit des Heidentums übernommen. Da das julianische Jahr um 11 Minuten und 12 Sekunden länger war als ein Sonnenjahr, ergab sich mit der Zeit ein Missverhältnis und die Notwendigkeit einer Kalenderreform, die von Papst Gregor XIII. im Jahr 1582 veranlasst wurde. Dadurch konnte erreicht werden, dass das gregorianische Jahr im Durchschnitt nur um 26 Sekunden länger ist als das natürliche Sonnenjahr, so dass erst nach mehr als 3300 Jahren ein Fehler von einem Tag entsteht. Während die Klostermönche des Mittelalter, die ihre Kalender in der Regel auf mehrere Jahre im voraus machten, sich darauf beschränkten, nur die Gedächtnistage der Heiligen zu vermerken, erschien bereits zehn Jahre nach der gregorianischen Kalenderreform zum ersten Mal ein Kalender, in dem Monatsreime, Wetterregeln und eine Menge Anweisungen in Bezug auf Haus-, Feld- und Viehwirtschaft sowie die Gesundheit des Menschen standen.

Kalender können aber auch als Bibel des Aberglaubens genannt werden. Man benützt sie von jeher, um das Leben in Einklang mit höheren Einflüssen zu bringen, um Unglück zu vermeiden und das Glück, vor allem auch die Gesundheit, an sich zu fesseln und zu bewahren. Bezüglich Glück und Unglück kommt vor allem der Glaube an günstige und ungünstige Tage in Betracht. Die Auffassung des Kalenders als Glückszeichen äußert sich in der Gegenwart noch darin, dass in vielen Gegenden der Kaminkehrer; als Person, die selbst glücksbringend gilt, zu Neujahr einen Blattkalender oder ein Kalenderbüchlein überreicht.

Ebenso wichtig wurde der Kalender für das Wetter und Wirtschaftsleben. Nach wie vor ist der auf dem Kalender beruhende Wetterglaube im Volk fest verankert, zumal er sich vielfach auf die Erfahrung von Jahrhunderten stützen kann und den Bauernregeln immerhin einiges Wahres zugrunde liegt. Nur gegen den auch hierin enthaltenen Aberglauben wandte sich einst die Zeit der Aufklärung, die sich vor allem gegen die wertlosen Wettervorhersagen des hundertjährigen Kalenders wehrte, dessen Name später zu der missverständlichen Auffassung führte, dass er “hundertjähriger” Kalender heiße, weil sich das Wetter nach 100 Jahren wiederhole.

Auch in der Volksmedizin achtet man auch heute noch bei der Anwendung von Hausmitteln auf die Kalenderzeichen. Krankheiten nehmen logischerweise ab, wenn sie bei abnehmendem Mond behandelt werden, während man bei zunehmendem Mond nur dann “doktert”, wenn etwas wachsen soll. Wichtig sind auch die Kalenderheiligen als Krankheitspatrone. Die handschriftlichen Rezepte aber, die im Volk verbreitet sind, gehen vielfach auf die Kalender zurück, aus welchen sie abgeschrieben wurden.

Bleibt am Schluss nur noch zu erwähnen, dass mit Aufkommen der Abreißkalender der Glaube entstand, es würde für das Haus etwas Unangenehmes bedeuten, wenn man am Kalender einen Tag zu früh abreißt, wie ich das als Kind verbotenerweise öfters gemacht habe.

Hans Lehrer (a. D. 2005)