Pfennig schutz’n

Unser Spielplatz war die Straße. Selten kam ein Auto vorbei und an den Straßenrändern parkten noch keine Fahrzeuge. Straßen und Wege waren noch nicht geteert, als wir plötzlich unsere Spielleidenschaft entdeckten. Ein paar Pfennige hatte jeder in seinem Hosensack, um bei diesem Spiel, das wir "Pfennig schutzen" nannten, mitzumachen.

Mit viel Geschick und etwas Glück versuchten wir die Pfennigstücke von einer markierten Stelle aus möglichst nahe an eine Linie zu werfen, die wir vorher in den harten Boden am Straßenrand mit einem Nagel oder Glasscherben geritzt hatten. Dabei musste man mit jedem Geldstück genau zielen und dufte nicht darüber hinauskommen, um nicht gar zu den Verlierern zu gehören. Sieger oder Bester wurde der, dessen Kupfermünze dem Strich am nächsten war. Fast immer war das der Eichinger Xare, der nicht nur ein Jahr älter war, sondern auch geschickter und uns allen haushoch überlegen. Nachdem nicht mehr geworfen wurde, durfte meistens er als erster das ganze Geld einsammeln, in seinen hohlen Händen schütteln und dabei “Zahl” oder “Wappen” rufen. Alle Münzen mit dem gewählten Zeichen gehörten ihm . Dann kam der zweite dran und so weiter, bis alle Pfennige einen neuen Besitzer gefunden hatten und anschließend ein weiteres Spiel begann.

Reich wurde von diesem Spiel zwar niemand, aber ein paar Pfennige waren es schließlich auch, wenn man bedenkt, dass eine Semmel nach der Währungsreform sechs Pfennig gekostet hat und der Lutscher ein Fünferl.

Hans Lehrer (a. D. 2005)