Reiseerlebnisse zwischen meinem 21. und 31. Lebensjahr

Wie Sindbad den Seefahrer trieb es mich in meiner Sturm- und Drangzeit jedes Jahr hinaus in die Welt, in ferne Länder, fremde Städte und andere Kulturen. Ich wollte neue Abenteuer erleben und die Welt kennen lernen. Es waren aber mehr als sieben Reisen, dich ich von meinem 21. Lebensjahr bis zu meinem 31. Lebensjahr unternahm. Sie prägten mein späteres Leben und veränderten meinen Charakter, hoffentlich zum Guten.

Während der Semesterferien, die drei Monate dauerten, setzte ich mich im 23. Juli 1963 in den Zug und fuhr nach Istanbul. Zur letzten Klausur, die wir in Organisationslehre schreiben mussten, kam ich bereits mit dem Rucksack, um gleich anschließend zum Münchner Hauptbahnhof zu eilen, damit ich den Zug noch erreichte. Die Abteile waren damals noch nicht mit Gastarbeitern überfüllt. Es gab genug Platz, wo man sich ausbreiten konnte. Schließlich dauerte die Zugfahrt insgesamt 48 Stunden. Ich fuhr über Skopie, verbrachte eine Nacht in Saloniki und setzte am nächsten Tag um 15 Uhr die Reise nach Istanbul fort. Der Zug war dieses Mal sehr voll und die Nachtfahrt ziemlich anstrengend. Bei der Hinfahrt war der Bahnhof von Skopie noch heil, bei der Rückfahrt Ende September lag er wegen eines schlimmen Erdbebens bereits in Trümmern. Als ich in Sirkeci am 25.Juli den Zug verließ, war ich fasziniert und berauscht von dieser herrlichen Stadt, in der das orientalische Leben pulsierte und in der alles ganz anders war. In den nächsten Tagen unternahm ich eine Bosporusfahrt mit dem Schiff, fuhr hinaus auf die Insel Büyük Ada, auf der das Hauptfortbewegungsmittel Esel waren und erkundete die Stadt Istanbul mit all ihren Sehenswürdigkeiten. Bereits in München hatte ich mir einen Übernachtungsplatz in einer Studentenpension gesichert, die sich in der Nähe der Sultan Ahmed Moschee und der Hagia Sophia befand. Beim Betreten der Blauen Moschee, mit ihren sechs imposanten Minaretten, glaubte ich mich wirklich in ein Märchen aus Tausend und einer Nacht versetzt. Ich atmete die Gerüche ein, lauschte den Stimmen und blickte gebannt auf die Betenden, die sich nach der rituellen Waschung in Richtung Mekka verneigten und mit ihrer Stirne sogar voller Demut den Boden berührten. Neugierig geworden, wollte ich mehr über diese Religion erfahren und war freudig überrascht, wie gastfreundlich und zuvorkommend sich diese Menschen gegenüber Deutschen benahmen und sich gerne auf ein Gespräch einließen. Ein besonders netter Türke schrieb mir in mein Reisetagebuch einen arabischen Satz, den ich nicht lesen konnte und erst später begriff, der aber für mein späteres Leben von großer Bedeutung sein sollte “La illaha illalah, Muhammed rasulullah. (Es gibt keinen Gott außer Allah und Muhammed ist sein Prophet). Wie eine Zauberformel prägte ich mir diesen Satz ein und spürte damit eine noch innigere Zugehörigkeit zu diesen Menschen, zu ihrer Religion, zu ihren Sitten und Gebräuchen. Längst schon hatte ich mich im Katholizismus darauf besonnen, dass es nur einen Gott gibt, wie er im Alten Testament gelehrt wird. Auf meiner weiteren Reise lernte ich die erste Sure des Koran (Al Fatiha) auswendig, die mir wie ein Schlüssel diente, um Türen, die mir bis dahin verschlossen waren, zu öffnen. Ich lernte noch mehr Gebete in arabischer Sprache, und obwohl ich kein Moslem war, wurde ich wie ein Glaubensbruder in die Arme genommen, und die Nähe dieser Menschen tat mir gut. Es fiel mir schwer, mich von Istanbul zu verabschieden, als ich am 30.7. meine Reise mit dem Omnibus nach Ankara fortsetzte. Im Bus war es sehr heiß, und mit noch einem Touristen saß ich ganz hinten in der letzten Reihe. Wir wollten uns Erleichterung verschaffen und zogen unsere Hemden aus, um im Unterhemd die Reise fortzusetzen. Gleich kam der Gehilfe des Busfahrers auf uns zu und forderte uns auf, die Hemden wieder anzuziehen, weil sich ganz vorne, in der ersten Reihe ein paar Frauen befanden. So streng waren hier die Sitten, und wir fügten uns. Als wir in Ankara um 18.30 Uhr ankamen und nach einem billigen Hotel fragten, lud uns ein junger Türke zu sich nach Hause ein. So sparten wir uns das Geld für das Hotel und lernten auch gleich eine türkische Familie kennen. Meine nächste Station war Kayseri. Die türkische Familie in Ankara war so freundlich gewesen, mir die Adresse ihres Verwandten in Kayseri zu geben, der dort ein Fotogeschäft betrieb, um gleich einen Anschluss zu haben. Außerdem konnte ich kostenlos im Lyzeum übernachten, das in den Sommerferien leer stand. Der Hausmeister stellte mir in einen der Schulsäle ein Bett, und der Direktor, der deutsch sprach, freute sich, meine Bekanntschaft zu machen. Das Wahrzeichen von Kayseri ist der Berg Erciyes, auf dessen Spitze auch im Sommer Schnee liegt. Er erinnerte mich an eine oberbayerische Gebirgslandschaft. In seiner Nähe befinden sich die Höhlenkirchen in Göreme, ein Zentrum frühchristlicher Kultur und ein Naturwunder ganz besonderer Art. Durch den ausgewaschenen Tuffstein hatten sich im Laufe von vielen Jahren bizarre Formationen gebildet, die wie spitzige Tüten das Bild der Landschaft prägten. In diese Kegel gruben sich die Menschen buchstäblich ein, höhlten sie aus und schufen sich Räumlichkeiten, die ihnen Schutz boten.

In Kayseri ließ ich mich auf ein besonderes Abenteuer ein und bestieg am 5.8. in der Früh um 4.40 Uhr den Zug nach Aleppo, dessen Fahrt mit vielen Verspätungen erst am nächsten Tage um 2 Uhr in der Nacht endete. Während der ganzen Zugfahrt musste ich fast ausschließlich stehen. Die Landschaften und auch ihre Menschen änderten sich im Laufe der Fahrt, die überhaupt nicht langweilig war, denn es fehlte nie an ein- und aussteigenden Gesprächspartnern im Zug, auch wenn man sich oft nur durch Zeichensprache verständigen konnte. Nachdem wir in Fevzi Pascha einen mehrstündigen Aufenthalt hatten, den ich auch benutzte, um mir die Haare schneiden zu lassen, erreichten wir nach Mitternacht endlich Aleppo, Perle des Orients mit dem mittelalterlichen Bazar, der imposanten Zitadelle und den herrlichen Moscheen. In dieser aufregenden Stadt blieb ich ein paar Tage, um dann am 9. August mit dem Taxi über Hamma und Homs weiter nach Damaskus zu fahren. Damaskus heißt auf arabisch “As Schams”, die Sonne. Diese Stadt wollte der Prophet nie betreten; denn er verglich sie mit dem Paradies, in das man schließlich nur einmal gelangen könne. Ich übernachtete im Ittihad al Arabi Hotel, in dem sich die Gäste wie in einer großen Familie wohl fühlten. Dort lernte ich auch, wie man richtig betet und ließ mich zusammen mit einem Scheich im arabischen Habit fotografieren.

Suweida - Basra - Dscherasch waren die nächsten Stationen meiner Reise, bevor ich am 16.8. mit Verdauungsbeschwerden Amman erreichte. Von dort machte ich einen Abstecher nach Petra, wo ich im nahe gelegenen Gefängnis eine billige Unterkunft fand, weil nicht alle Zellen belegt waren. Petra war einst das Tal, in dem zur Zeit Jesu die Nabatäer lebten. Niemand hatte etwas dagegen, dass man in der Erde nach Überresten grub, und ich konnte ein paar hauchdünne Tonscherben, die schon zwei tausend Jahre alt waren, als Reiseandenken mitnehmen. In der Nacht zum 20.8. erlebte ich eine romantische Beduinenhochzeit, zu der ich als Ehrengast eingeladen war. Allerdings hielt ich vergebens Ausschau nach der Braut. Die Frauen feierten getrennt von den Männern in einem eigenen Zelt, weil die Geschlechtertrennung im Islam so üblich ist. Von Amman ging meine Reise weiter nach Jericho. Ich besichtigte den Berg der Versuchung und die Jahrtausende alten Mauern dieser Stadt, übernachtete im Lager der palästinensischen Flüchtling und konnte mit einem Traktor zum Jordan fahren. Von dort gelangte ich mit einem Taxi nach Qumran, fuhr zurück zum Toten Meer, nahm ein ausgiebiges Bad im Salzwasser und kam wieder zurück nach Jericho ins Lager der Palästinenser, in dem die Menschen zusammengepfercht in ärmlichsten Verhältnissen lebten. Es gab keinen Schatten spendenden Baum und zur Wasserstelle, von der das Wasser in Steinkrügen geholt wurde, war es weit. Nur schwer konnte ich über so viel Elend die Tränen unterdrücken, und die Menschen taten mir unsäglich leid. Ich teilte mit ihnen das kärgliche Brot, zu dem ich eingeladen wurde. Dabei schilderten sie mir ihren Kummer und ihr aussichtsloses Dasein. Ein junger Palästinenser hieß mit Vornamen “Harp”, was auf deutsch “Krieg” bedeutet. Der Hass, den sie gegen Israel empfanden, erschütterte mich; denn ich konnte auch Israel verstehen, das sich nach den furchtbaren Geschehnissen im 3. Reich endlich nach einem Heimatland und einem eigenen Staat mit sicheren Grenzen sehnte, in dem es nicht Angst haben musste, verjagt oder ausgerottet zu werden. Als Deutscher war es für mich schwer, für die eine oder andere Seite Stellung zu beziehen. In Jerusalem (Al Kuds, die Heilige) wie Araber diese damals leider zweigeteilte Stadt nennen, besuchte ich den Tempelberg und die Klagemauer in Ostjerusalem, die damals verwaist war, weil Juden keinen Zutritt hatten. Vom Ölberg aus hatte ich einen guten Blick auf die Stadt, besuchte die Stätten, in denen Jesus seine Wunder gewirkt haben soll und übernachtete in der dritten Kreuzwegstation auf der Via Dolorosa im Gästehaus der armenischen Kirche. Um 3 Uhr morgens wurde ich von Gewehrsalven aufgeweckt, und ich befürchtete schon, der Krieg sei ausgebrochen. Es handelte sich aber nur um eines der üblichen Scharmützel, wie es sich Juden und Araber fast täglich lieferten. Es dauerte zwei Stunden, und am Damaskustor konnte ich am nächsten Tag die Einschüsse sehen. Ausgerechnet in der heiligsten Stadt der Welt, in der Jesus den Menschen die Liebe zueinander lehrte, herrschte der größte Unfrieden. Die Araber sagen Salam, und die Juden sagen Schalom. Beides bedeutet Frieden. Doch so lange man in diesem gefährlichsten Pulverfass der Welt nicht zu einer Einigung kommt, wird es keinen Frieden geben. Das war vor 45 Jahren so und ist auch heute noch nicht anders. Am frühen Morgen desselben Tages fuhr ich nach Bethlehem und besichtigte die Hirtenfelder und die Geburtskirche. Um 12 Uhr fuhr ich weiter nach Hebron. Dort war der Eintritt in die Moschee, in der die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob beigesetzt sind, nicht kostenlos. Ich wollte aber keinen Eintritt von umgerechnet 4 DM bezahlen, weil es schließlich eine Moschee und kein Museum war. Also fragte ich scheinheilig, ob man als Moslem, der sein Gebet verrichten möchte, auch bezahlen müsste. Ich wurde von allen Seiten misstrauisch gemustert und erntete großes Lob und Bewunderung als ich zum ersten Mal versuchte in einer Moschee das Gebet zu verrichten und die Menschen von meiner Rechtgläubigkeit sogar noch überzeugen konnte. Ich fuhr zurück nach Jerusalem, um am nächsten Tag, ich glaube es war der 26.8., um 6 Uhr früh nach Nablus zu fahren. Auch dort befand ich mich auf biblischem Boden im Lande der Samaritaner. Denn im alten Sichem begegnete Jesus einer Frau am Jakobsbrunnen, der noch heute erhalten ist. Dort lernte ich einen jungen Palästinenser kennen, Abdallah Abdel Hafiz, mit dem mich sofort eine innige Freundschaft verband. Zurück in Jerusalem versuchte ich mit zwei Pässen im Gepäck, in denen sich getrennt die arabischen Visa und das Visum für Israel befand, das Mandelbaumtor zu durchschreiten, um auf israelisches Gebiet zu gelangen. Nachdem ich Israel bereits ein Jahr zuvor kennen gelernt hatte, war es ein Wiedersehen mit diesem Land. Ein Wiedersehen mit dem Kibbuz Nir Am, nahe des Gazastreifens, wo wir zwei Wochen gearbeitet hatten, ein Wiedersehen mit seinen Bewohnern und mit Milo Schor, mit dem ich Freundschaft geschlossen hatte. Die Ausreise verzögerte sich jedoch um einen Tag, weil ich zuerst die Genehmigung der Regierung einholen musste. Doch dann konnte ich endlich das Lied: “Hevenu Schalom alechem” (Wir bringen Euch den Frieden und das Brot) vor mich hin singen, das wir vor einem Jahr, vor Antritt der Israelreise, gelernt hatten, und fuhr zum Kibbuz Nir Am, wo ich gerne bei der Apfelernte mithalf, um meine Finanzen etwas aufzubessern und erlebte das jüdische Neujahrsfest Rosch Haschana. Ich machte vom Kibbuz aus einen Ausflug nach Eilath am Roten Meer und übernachtete auf dem Berg Tabor in einem Kloster. In Haifa bestieg ich das Schiff, das mich über Cypern nach Athen brachte, um von dort mit dem Zug wieder zurück nach München zu fahren. Ich war mehr als zwei Monate lang unterwegs gewesen, hatte 1000 Mark ausgegeben und ließ mir während dieser Zeit einen Bart wachsen. Noch immer war ich berauscht von den vielen Eindrücken, die ich auf meiner Reise gewonnen hatte. Onkel Ludwig, der im April 1964 starb, war bereits bettlägerig. “Mach nicht so viel mit den Juden”, sagte er mir. Leider fragte ich nicht nach dem Grund. Antisemit war er sicher keiner. Ich denke aber, dass er wie alle Christen auf die Juden nicht gut zu sprechen war, obwohl er dem Juden Landauer, der ausgewandert war, im 3. Reich günstig ein Waldgrundstück abgekauft hatte.

Ich sehnte das Jahr 1964 herbei, um in den Semesterferien wieder in den Orient zu reisen. Die Zugfahrt nach Istanbul am 25. Juli 1964 war mir nicht mehr neu. Allerdings war das Zugabteil dieses Mal überfüllt mit Gastarbeitern, die damals wohl einen ihrer ersten Urlaube in der Heimat verbrachten. Während der ganzen Fahrt versuchte ich von den Reisenden türkische Wörter zu lernen und machte dabei große Fortschritte. Dieses Mal fuhr der Zug über Bulgarien in die Türkei. Ich wohnte wieder im Studentenheim, besuchte die Blaue Moschee und schrieb in mein Reisetagebuch: “Suche nicht nach Erinnerungen, die du wachrufen möchtest. Du wirst enttäuscht.” In Istanbul hielt ich mich dieses Mal nicht lange auf sondern reiste über Bursa nach Izmir, besuchte am 30. 7. Pergamo und am 31.7. Ephesus, fuhr mit dem Bus weiter nach Denizli und Pamukkali und erreichte am 2.8.64 Antalya. Dort konnte ich auf dem Dach eines Hotels übernachten, weil es in den Zimmern sehr heiß war. Es gelang mir in einem Dolmus (Sammeltaxi) , das sich ein paar aus dem Militärdienst entlassenen türkischen Soldaten gemietet hatten, mitzufahren, um die Sehenswürdigkeiten in der Umgebung näher kennen zu lernen. Die Fahrt führte über Perge, Aspendos, Manavgat bis nach Side, dessen Strand damals noch menschenleer war und touristisch überhaupt nicht erschlossen.

Da es damals aufgrund der schlechten Straßen keine direkte Busverbindung von Antalya in den Süden nach Adana gab, musste ich den Umweg über die Stadt Konya machen, die auf meiner Reise eigentlich nicht eingeplant war. Ich wollte dort lediglich umsteigen, mehr nicht - und hatte einen Aufenthalt von drei Stunden eingeplant. Tief beeindruckt war ich bei einem Rundgang vom Mausoleum des großen Mystikers Celal ed-din Rumi, erfuhr, dass ich mich in der Heimat der tanzenden Derwische befand, lauschte den Klängen ihrer eigenartigen Musik und hatte das Bedürfnis einen Koran zu erwerben. Im Buchladen fiel mein Blick auf sehr alte Bücher im Regal, und ich fragte, ob es auch einen handgeschriebenen Koran gäbe? Der Verkäufer zeigte mir ein sehr schönes Exemplar und wollte dafür 100 Lira haben. Eine Lira hatte damals einen Wert von 2,25 DM. Ich begann zu handeln und gab zu verstehen, dass ich Moslem sei und deshalb einen brüderlichen Preis erhoffe. Für 80 Lira gehörte der Koran mir. Dabei hatte ich auch noch einen Freund gewonnen, der im Laden hinter mir stand und mein Gespräch mit dem Verkäufer mit kriegte. Als er hörte, dass ich Moslem sei, umarmte er mich und nannte mich seinen Bruder. Nachdem wir beide den Laden verlassen hatten, wollte ich das Missverständnis aufklären und sagte ihm, dass ich gar kein Moslem sei, aber großes Interesse am Islam hätte. Schließlich konnte ich damals schon ein paar Suren auswendig, wusste, wie man das Gebet verrichtet und hatte den Koran in deutscher Sprache gelesen. Er sagte, dass es nicht schwer sei, Moslem zu werden, wenn man es nur mit dem Herzen wolle. Wir tauschten unsere Adressen aus und versprachen, in Kontakt zu bleiben. Da die Türken sehr gastfreundlich sind, musste ich fast nie im Hotel übernachten sondern wurde sehr oft nach Hause eingeladen. Ich war auf meinen Reisen nie allein sondern wurde von diesen warmherzigen Menschen stets freundlich aufgenommen, sowohl in der Türkei als auch in den übrigen Ländern des Orients, die ich alle kennen lernen wollte. Ich zehrte auch von der Deutschfreundlichkeit dieser Länder, die aber nicht ganz uneigennützig war, denn immer wieder wurde ich gebeten, bei der Arbeitssuche in Deutschland behilflich zu sein, und mein Reisetagebuch füllte sich mit vielen Adressen und Passfotos. Wenn die mich alle besuchen wollten, hätte ich in unserem Haus glatt ein Hotel eröffnen können. Nach einer Nachtfahrt mit dem Omnibus durch den Taurus erreichte ich um 8 Uhr Tarsus, dem Geburtsort des hl. Paulus und fuhr um 11 Uhr weiter nach Adana. Dort bestieg ich den Zug und feierte endlich um 24 Uhr Wiedersehen mit Aleppo. Allerdings stieg ich nur um und fuhr von dort um 0.15 Uhr mit dem Zug gleich weiter nach Beirut, wo ich um 13.30 Uhr ankam. Damals wurde der Libanon als die Schweiz des Ostens gerühmt, und dementsprechend waren auch die Preise. Ich schaute mir alle Sehenswürdigkeiten an, reiste nach Biblos, Tripoli, Zahle, Saida (Sidon) und Sur (Tyros) und erlebte das alljährliche Folklore-Festival in den Ruinen von Baalbeck, bei dem viele berühmte arabische Sänger auftraten. Von Beirut aus ging es nach Damaskus, begab mich wieder in das Ittihad al Arabi Hotel, unternahm am Abend einen Stadtbummel und bestieg am nächsten Tag, dem 13.8., ein Flugzeug, das mich nach Kuweit brachte, ein sehr teures Pflaster, wie sich herausstellen sollte. Allein schon die Fahrt vom Flughafen mit dem Taxi in die Stadt wäre sehr teuer gewesen, hätte ich nicht das Glück gehabt, in einem von mehreren Taxis mitfahren zu können, in denen nur das Gepäck eines reichen Kuhweiti transportiert wurde. Die erste Nach im Hotel kostete 1 Dinar. Dann konnte ich bei einem Palästinenser übernachten. Es war schwierig, mit den Einheimischen dort in Kontakt zu kommen, höchstens mit einigen palästinensischen Arbeitern, die mich am Abend zum Essen einluden und anschließend ein ausschweifendes Saufgelage mit heimlich gekauften Spirituosen veranstalteten, da in Kuweit striktes Alkoholverbot herrschte. Ein Kuweiti riet mir, mich beim Rundfunk zu melden, um vielleicht bei einer Sendung, in der ich über meine Reise erzählte, mein Taschengeld aufzubessern. Er schenkte mir sogar das Fahrgeld für das Taxi, das mich dorthin brachte. Ich bin aber dort nie angekommen. Bald hatte ich genug von diesem Land und fuhr am 17.8.64 weiter nach Basra, der südlichsten Stadt im Irak. Von dort gelangte ich über Nasaria nach Ur. Dort schaute ich mir in den noch kühlen Morgenstunden um 6 Uhr die Ausgrabungen an, da unser Stammvater Abraham von dort her stammte. Mit dem Bus fuhr ich weiter nach Hille und von dort am Abend nach Kerbela, einem schiitischen Heiligtum, in dessen Moschee Hasreti Huseyin der Enkel des Propheten begraben liegt. Für Nichtgläubige ist es streng verboten, diese Moschee zu betreten. Ich kleidete mich in ein arabisches Gewand und schlich mich heimlich in die Moschee. Dort sah ich viele Männer mit nacktem Oberkörper, die sich in Ekstase gegenseitig schlugen und sich Schmerzen beibrachten. Erst später erfuhr ich die Bedeutung dieses Handelns, das die Trauer und den Schmerz über die Ermordung von Huseyin zum Ausdruck bringen sollte. Zurückgekehrt nach Hille, fuhr ich am nächsten Morgen weiter nach Bagdad, wo es unerträglich heiß war. Dort lernte ich viele Freunde kennen, die am Abend Leute fotografieren, um ihnen dann die Bilder zu verkaufen. Unter ihnen befand sich auch Hikmet, mit dem ich Freundschaft schloss. Wiederum betrat ich heimlich ein schiitisches Heiligtum, die Kathim Moschee, wo unter einer goldenen Kuppel zwei der 12 Imame ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Es gelang mir nicht, eine Besuchserlaubnis für die gesperrten kurdischen Gebiete rund um Mossul zu bekommen und fuhr unverrichteter Dinge am Abend des 25.8. mit dem Zug direkt nach Mossul. Ich besuchte u. a. Ninive und eine Moschee mit den Überresten des Propheten Jonas. Am 29.8. bestieg ich die höchst abenteuerliche Bagdadbahn und fuhr über Tell Koschak, Nuseibin, Gaziantep und Fevzi Pascha wieder nach Kayseri. wo ich mich einige Tage aufhielt. Ich machte mich auf den Weg zum Erciyes Hotel, das damals noch eine Baustelle war und brach am nächsten Morgen um 5.30 Uhr auf, um den Erciyes-Berg zu besteigen. Der Weg war nicht markiert und sehr schlecht begehbar. Auch hatte ich das komische Gefühl, dass mich Wölfe angreifen könnten. Es waren aber nur riesige Hirtenhunde, die mir Angst einjagten. Die meiste Zeit konnte ich bei verschiedenen Freunden übernachten. Als ich in Granadar am Morgen erwachte, saß der türkische Großvater an meinem Bett und bewegte seine Lippen. Ich denke, dass er gebetet hat, um mich zum Islam zu bekehren, was ein halbes Jahr später tatsächlich geschehen sollte. Von Kayseri gelangte ich endlich über Ankara nach Istanbul, wo ich am 6.9.64 mit dem Zug um 7.30 Uhr in Haider Pascha (Istanbul) ankam. Nach einem kurzen Aufenthalt trat ich mit dem Zug meine Heimreise an. Wieder war ich am Ende einer wunderschönen Reise angelangt, und der Wunsch bald wieder in diese Länder zu reisen wurde immer größer.

Nach Beendigung meines Studiums am 28. Februar 1965, stand es fest, dass ich am 1. April 1965 zum Militär musste. Deshalb wollte ich die mir noch verbliebenen Monate Februar und März dazu nützen, noch einmal zu verreisen. Leider verstarb während dieser Zeit meine Tante Marie, ohne von ihr Abschied nehmen zu können. Sie war die letzte noch lebende Schwester meines Vaters. Ich flog mit dem Flugzeug nach Damaskus und fuhr weiter nach Hamma, wo ich noch vom letzten Jahr Freunde hatte. Hier erfuhr ich viel über die islamische Mystik, wohnte gleich neben der Moschee in der Nähe der großen römischen Wasserräder, bei zwei Freunden, lernte Derwische wie den Haci Hashim kennen und fühlte mich mit dem Islam immer mehr vertraut. Ich machte auch einen Abstecher nach Jordanien, wo ich in Nablus den Abdallah besuchte, mit dem ich nach Jerusalem fuhr. Heim zu führte mich der Weg über Gaziantep nach Konya, wo ich Ömer Dincer, den Freund aus dem letzten Jahr besuchte, den ich beim Korankauf kennen gelernt hatte. Wir waren enge Brieffreunde geworden, und er half mir, Moslem zu werden. Gemeinsam gingen wir zum Mufti von Konya, Haci Tahir, wo ich die islamische Glaubensformel aufsagte. Richtiger Moslem wurde ich jedoch erst mit der Beschneidung, die ich im Krankenhaus von Konya durch den Operatör Ahmet Sait Ugurlu vornehmen ließ. So trat ich die lange Heimreise wieder mit dem Zug an, obwohl die Beschneidung noch nicht verheilt war.

Kurz vor Beendigung meines Grundwehrdienstes hielt ich es beim Militär nicht mehr aus. Der Drang in die Ferne und in die Freiheit wurden so groß, dass ich als überzeugter Pazifist eine Woche nach meinem 23. Geburtstag von einem Wochenendurlaub nicht mehr in die Kaserne zurückkehrte, meine Schwester mich zum Flughafen Riem brachte und ich am 20. Juni 1965 mit dem Flugzeug nach Damaskus flog. Da ich noch am Ankunftstag Zeuge einer öffentlichen Hinrichtung auf dem Hauptplatz der Stadt wurde, die einem Volksfest glich, wobei es sich um den israelischen Spion Eliha Cohen handelte, der aufgehängt wurde und stundenlang am Galgen baumelte, erhielt meine Fahnenflucht einen ersten Dämpfer. Ich fuhr lieber weiter nach Nablus, um den Abdullah zu besuchen. Hier passierte das zweite Missgeschick, und ich wurde wegen Spionageverdacht für Israel inhaftiert. Dabei war ich doch nur neugierig gewesen, hatte mich einem Zahnpastaverkäufer angeschlossen, war ihm beim Verkauf behilflich und besuchte dabei Qualquilia, eine strategisch wichtige Grenzstadt, die kurz vorher von Israel angegriffen worden war. Hier war Israels engste Stelle und ein besonders neuralgischer Punkt. Ich besichtigte die Ausmaße der Zerstörung und wurde bei meiner Rückkehr nach Nablus prompt verhaftet. Natürlich wollte ich Abdallah aus der ganzen Sache heraushalten. Trotzdem besuchte er mich noch einmal in der Zelle, und ich steckte ihm Geld zu. Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Ich lernte verschiedene Gefängnisse in Amman kennen, wurde immer wieder verhört, und als nichts dabei heraus kam, nach Damaskus, zusammen mit einem Araber abgeschoben, dessen Handgelenk mit meinem während der Fahrt aneinander gefesselt war. Auch in Damaskus wurde ich immer wieder verhört, trotzdem bot man mir an, die Nacht in einem Hotel zu verbringen. Ich schlug das Ittihad al Arabi Hotel vor, dessen Besitzer meine Freunde waren, und denen ich gleich nach meiner Ankunft aus Deutschland 12 000 DM zur Aufbewahrung anvertraut hatte, bevor ich nach Jordanien weiterfuhr. Es waren ehrliche Leute, und sie gaben mir das Geld anstandslos zurück, waren aber überrascht, als mich die Polizei dort ablieferte. Schließlich wurde ich auch aus Damaskus ausgewiesen und gelangte endlich in den Libanon als freier Mann. In Beirut bestieg ich ein Schiff, das nach Dubrovnik fuhr. Ich besuchte Mostar und Sarajewo und fuhr mit dem Zug immer weiter in Richtung Österreich. In Innsbruck und später in Salzburg traf ich endlich wieder meine liebe Mutter, lebte eine Weile in Wien, wo ich sogar die Absicht hatte mich für längere Zeit niederzulassen und stellte mich dann nach drei Monaten, weil ich von der Fahnenflucht genug hatte.

Ich wurde zu 6 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, kam 21 Tage in den Arrest auf dem Kasernengelände und musste die gesamte Zeit meiner Abwesenheit nachdienen.

Während meines Militärdienstes fuhr ich 1966 im Urlaub mit dem Zug nach Florenz, weiter nach Rom und Palermo. Von dort setzte ich mit dem Schiff nach Tunis über, flog mit dem Flugzeug wieder zurück nach Rom und fuhr mit dem Zug wieder nach München. Ich war über diese Reise nicht sehr glücklich, weil ich viel lieber in die Türkei und in meinen geliebten Orient gefahren wäre.

An die Reise im Jahr 1967 kann ich mich fast nicht mehr erinnern. Es gibt lediglich drei Postkarten, die ich damals heimgeschrieben habe. Vom 16.4.67 stammt die Postkarte, in der ich mitteilte, dass ich in Istanbul gut angekommen sei und gleich weiter nach Konya fahren würde. Im Reisepass befindet sich ein Ausreisestempel vom 20.4.67 von der türkisch- syrischen Grenze in Nuseybin, wo ich in Kamuschli syrischen Boden betrat. Dort begab ich mich in ein Bordell und schlief das erste Mal in meinem Leben erfolgreich mit einer Frau. Die zweite Postkarte schrieb ich am 25.4.67 von Hamma in Syrien, mit dem Inhalt, dass ich nicht mehr nach Bagdad fahren werde, auch nicht nach Damaskus sondern in die Türkei zurückkehren würde. Am 3.5.67 schrieb ich Mutter aus Elazig, dass ich nach Kayseri und Konya fahren werde und hoffte, dass ich bis Pfingsten wieder zu Hause sein würde. Der Ausreisestempel aus der Türkei stammt vom 12.5.1967.

Im Juli 1968 fuhr ich wieder mit dem Zug nach Istanbul, bestieg dort ein Schiff, das die Schwarzmeerhäfen anlief. Geriet zwischen Sinop und Samsun in eine Schlägerei, ging in Samsun vom Schiff und fuhr über Tokat, Sivas und Kayseri nach Konya zu meinem Freund Ömer Dincer. Dort blieb ich nicht lange, sondern flog mit einer kleinen zweimotorigen Propeller- Maschine von Ankara nach Erzurum und reiste von dort weiter nach Dogu Beyazit bis zur iranischen Grenze. Über Täbriz gelangte ich nach Teheran und fuhr weiter nach Qum und Keshan. Tief beeindruckt war ich von den herrlichen Moscheebauten in Isfahan und der berühmten Stadt Schiraz mit dem Allahu Akbar Tor. In einer sehr anstrengenden Nachtfahrt mit dem Bus auf einer Schotterstraße, die uns am Morgen in Staubmumien verwandelt hatte, gelangte ich zum Persischen Golf und erreichte nach einer sechsstündigen Bootsfahrt auf dem Schatt al Arab die Stadt Basra. Von dort fuhr ich weiter nach Bagdad, wo ich die Freunde aus dem Jahr 1964 traf. Mit Georg, den ich in Trudering kennen gelernt hatte und der wieder nach Bagdad zurückgekehrt war, fuhr ich nach Mossul und besuchte in einem kurdisch-christlichen Dorf Father Hannah Zorah, den ich nur von einer Brieffreundschaft her kannte. Ich blieb einen Tag bei ihm im Pfarrhaus, um dann wieder zurück nach Bagdad zu fahren. In einem Cafe, in dem ich gemeinsam mit meinen Freunden saß, verplapperte ich mich und bezeichnete den ägyptischen Staatspräsidenten Nasser als Papiertiger. Leute vom Geheimdienst hörten das und forderten mich auf, binnen einer Stunde das Land zu verlassen, so dass ich wieder in den Iran ausreiste, um von Kermansah über Täbriz zurück in die Türkei zu fahren. Dort besuchte ich den Van See und fuhr über Diyarbakir, Urfa, Gaziantep und Adana nach Konya. Von dort machte ich einen Besuch in Isparta, um einen allseits verehrten Weggenossen des Beduzzaman Said Nursi zu besuchen. Wieder nach Konya zurückgekehrt, begab ich mich endlich auf die Heimreise.

Ende Januar 1969 trat ich meine bis dahin wohl weiteste und längste Reise an. Ich fuhr mit dem Zug von München nach Istanbul und über Konya weiter nach Ankara. Dort besorgte ich mir die verschiedenen Visa, die man benötigt, um nach Indien zu reisen. Ich bestieg einen Zug, der große Verspätung hatte, und nach Erzurum 23 Stunden brauchte. Von dort fuhr ich durch tief verschneite Landschaften weiter bis zur iranischen Grenze. Das letzte Stück legte ich per Anhalter in einem kurdischen LKW zurück. Nachdem ich mich durch zahlreiche Schneestürme durchgekämpft hatte, erreichte ich Teheran und fuhr mit dem Bus weiter nach Mesched, wo ich am Straßenrand bei klirrender Kälte heulende Wölfe beobachten konnte. In Mesched befindet sich das Heiligtum des Imam Reza, das nur Moslem betreten dürfen und für die ärmeren Schiiten, die sich eine Wallfahrt nach Mekka nicht leisten können, wichtigstes Wallfahrtsziel ist. Als ich mit meinem Rucksack das Heiligtum betrat, wollte man mich daran sofort hindern. Groß war das Erstaunen als ich mich als Moslem outete und ich wurde herzlich aufgenommen.

In Herat war ich bereits auf afghanischem Boden, und das Wetter war nicht mehr gar so kalt wie im Iran. Von Herat fuhr ich über Kandahar nach Kabul, der Hauptstadt, wo ich bereits den ersten Frühlingshauch verspürte, obwohl die Nächte noch eisig kalt waren. Während der stundenlangen Busfahrten schoben sich die Männer immer wieder ein grünes Pulver unter die Zunge, um es nach einigen Minuten wieder auszuspucken. Damit versetzten sie sich in einen rauschähnlichen Zustand, der aber nur ein paar Minuten anhielt. Nicht sehr appetitlich waren die am Boden befestigten Blechbüchsen und dem grünlich schillernden Auswurf. Über den berühmten Kyberpass fuhr ich nach Peschawar in Pakistan, wo mich herrlichstes Frühlingswetter empfing. Von dort ging es weiter nach Rawalpindi und Lahore. Die Regierungshauptstadt Islamabad in der Nähe von Rawalpinde war damals erst im Entstehen. Lahore hatte mir sehr gut gefallen, und ich habe sie als saubere und sehenswerte Stadt in Erinnerung. Von Lahore aus ging es über die indische Grenze nach Amritsar, der heiligen Stadt der Sikh-Kaste, wo sich in einem künstlichen See der goldene Tempel des Guru Nanak befindet. Drei Tage dürfen Pilger in dieser Stadt umsonst wohnen, und ich war tief beeindruckt von der Anlage und den Menschen, die diesen Tempel besuchen. Mit dem Zug ging es weiter nach Patankok, wo ich ausstieg um einen Abstecher nach Kashmir zu machen. Drei Sätze hatte ich gelernt, die ich auch gleich verwendete, als mir ein Rikschafahrer seine Dienste anbot. “Ida gimula?“ fragte ich, was soviel wie “was kostet das” bedeutet. Ich verstand natürlich seine Antwort nicht und sagte sofort “mengahä”, was auf deutsch, das ist mir zu teuer, bedeutet. Mit einem energischen “nei dscheida” , danke! ich will es nicht, verabschiedete ich mich rasch, um den Unwillen des Rikschafahrers nicht zu sehr herauszufordern.. Es gelang mir anschließend per Anhalter den beschwerlichen Weg nach Kaschmir durch die Berge zurückzulegen und erreichte nach vielen Stunden dieses wunderschöne Tal, das als schönstes Tal der Welt gilt. Leider hielt sich der LKW-Fahrer nur ein paar Stunden am Dal-See in Srinagar auf, so dass ich, wenn ich wieder mitfahren wollte, keine Zeit mehr hatte, mehr von Kaschmir zu sehen. Als Andenken kaufte ich mir zwei Kaschmir-Schals. Auch die Rückfahrt mit dem LKW war abenteuerlich und der nicht mehr ganz nüchterne Fahrer hatte eine Ähnlichkeit mit König Ludwig II.

Mit dem Zug setzte ich meine unterbrochene Reise nach Delhi fort, wo ich einige Zeit blieb, um dann weiter nach Jaipur und Agra zu fahren. Der Palast des Maharadscha und der Taj Mahal waren es wert, die Strapazen dieser Reise auf mich genommen zu haben. Ansonsten fühlte ich mich in Indien nicht recht wohl. Die Leute erschienen mir rücksichtslos, unhöflich und gingen mit der Zeit auf die Nerven. Wiederum mit dem Zug setzte ich meine Reise weiter fort nach Benares, der heiligen Stadt am Ganges, in dem ich an einer Stelle, wo mir das Wasser sauber erschien, ein heiliges Bad nahm und später Fotos von Leichen machte, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Vor allem in Benares ist der Tod nichts ungewöhnliches, und man begegnet ihm auf Schritt und Tritt. Leichen werden in Schilfmatten eingehüllt und zur Verbrennungsstätte getragen. An den herausragenden Füßen kann man sehen, ob es sich dabei um junge oder alte Menschen handelt. Heimlich betrat ich einen Schiwatempel, in dem auch Kühe herum spazierten, die von den Hindus als heilig verehrt werden. Endlich erreichte ich Kalkutta in den frühen Morgenstunden. Die brütend feucht-heiße Hitze machten mir den Aufenthalt mehr zur Qual als zur Freude, und ich schleppte mich durch den Botanischen Garten, um wenigstes etwas Schatten zu haben, besuchte einen Tempel mit einer imposanten Phallusallee, sah das große Elend zahlreicher Bettler, die kein Zuhause hatten sondern in den Straßen lebten und fuhr am Abend noch weiter nach Puri, einer heiligen Stadt, die dem Vishnu geweiht ist und am Meer liegt. Als ich die vielen Leprakranken am Straßenrand sah, die mir bettelnd ihre abgefaulten Glieder entgegenstreckten, verließ mich der Mut endgültig und ich fuhr wieder den ganzen Weg so schnell wie möglich zurück, so wie ich gekommen war, leider mit viel Gepäck, da ich ein leidenschaftlicher Souvenierjäger bin. In Persien wurde gerade das Nevruz Fest (Neujahr) gefeiert, und ich machte einen Abstecher nach Rizajeh, bevor ich wieder türkischen Boden betrat. Die erste Nacht verbrachte ich in dem Grenzstädtchen Dogu Beyazit in einem Hotel, das nur aus einem einzigen Raum bestand, in dem die Betten kreisförmig um einen Ofen standen. Ich hörte ein Kind wimmern und konnte nicht einschlafen. Als ich den Vater fragte, was mit seinem Sohn los sei, zeigte er mir dessen eingebundene Hand, die stark geschwollen war. Er beseitigte den Verband, so dass ich arabische Schriftzeichen bemerkte, die mit Kugelschreiber auf den Handrücken geschrieben waren. Das Kind litt an Atemnot und ich befürchtete, dass es sterben könnte. Als Grenzstadt zum Iran besitzt Dogu Beyasit auch eine Militärkaserne. Dorthin eilte ich, gab mich als deutscher Tourist zu erkennen und bat darum, mit einem Arzt sprechen zu dürfen. Ich überredete ihn in das Hotel zu kommen, um nach dem kranken Jungen zu schauen. Er stellte Tetanus fest und verordnete Penicillin in einer Menge, die in der Kaserne nicht vorrätig war. Also musste der Bub in das nächstgelegene Krankenhaus, das über 100 km entfernt lag, mit einem Taxi transportiert werden. Für die Fahrtkosten kamen vor allem der Arzt und ich auf. Einige Tage später, als ich von meinem Besuch in Igdir und Kars zurückkam, begegnete ich in Agri einem glücklichen Vater, dessen Kind gerettet werden konnte. Mit diesem Glücksgefühl fuhr ich weiter nach Kayseri und Konya und endlich wieder heimwärts nach Deutschland. Ich war drei Monate unterwegs gewesen.

Im September 1969 unternahm ich mit einer Gruppe junger Leute eine Reise nach Rußland, damals noch UdSSR. Wir flogen von Berlin-Schönefeld aus nach Moskau, blieben dort ein paar Tage, um dann nach Taschkent, Samarkand und Buchara weiterzufliegen. Diese Städte waren außerordentlich interessant, weil ich auch feststellen konnte, wie sich der Islam mit dem Kommunismus auseinandersetzt. Mit meinen türkischen Sprachkenntnisse konnte ich mich mit den Menschen unterhalten, die als Moslem unterdrückt wurden und besuchte die einzige damals noch existierende Koranschule in Buchara. Meine Schwester und Mutter erwarteten mich bei der Ankunft am Flughafen. Dabei fiel mir auf, dass Mutter gealtert war und nicht gut ausschaute. Ein paar Monate später war sie tot ...

An die Einzelheiten meiner Reise, die ich nach dem Tode meiner Mutter im Sommer 1970 unternahm, kann ich mich nicht mehr so genau erinnern. Fest steht, dass ich wieder mit dem Zug nach Istanbul fuhr und Ömer Dincer in Konya besuchte, der im Sommer 1969 zu mir nach München gekommen war. Mutter war davon nicht begeistert gewesen, dass sich ein fremder Mann vier Wochen lang in unserem Haus aufhielt und auch mir ging er auf die Nerven. Trotzdem besuchte ich ihn wieder, auch wenn sich unsere Freundschaft abgekühlt hatte. Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich nach Ahwaz in Persien gefahren bin, um dort Father Hannah, den Priester der syrisch-caldäischen Kirche, den ich 1968 in Mossul getroffen hatte, zu besuchen.

Am 21. August 1971 fuhr ich wieder einmal mit dem Zug nach Istanbul, mit dem Bus weiter nach Eskisehir und von dort nach Ankara. Araber nahmen mich am 27.8.71 in ihrem Mercedes mit nach Adana, wo ich spät am Abend gegen 22.30 Uhr ankam.

Dort flog ich am nächsten Tag nach Cypern (Nicosia). Der Flug dauerte 25 Minuten. Die Türken sagen zu Nicosia Lefkosia, der Hauptstadt von Cypern, die ich in Richtung Famagusta verließ, das mir aus dem Film “Exodus” bekannt war. Prächtige Häuser am Meeresstrand im griechischen Teil der Stadt glänzten im Mondschein und ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus nach Kyrenia (Girne). Diese kleine Hafenstadt hat mir sehr gut gefallen. Zwischen den einzelnen Städten ist die Entfernung nicht sehr groß, so dass es nicht verwunderlich ist, wenn ich wieder nach Lefkosia fuhr und von dort nach Famagusta, um mir ein Schiffsbillett für die Überfahrt nach Ägypten zu kaufen. Immer wieder nutzte ich die Zeit, im herrlichen Meer zu schwimmen und hielt mich viel am Strand auf.

Am 4.9.71 fuhr ich um 13 Uhr mit einem russischen Schiff , namens Armenia, nach Ägypten und kam am nächsten Tag, nachdem ich in der Nacht wegen des mittelmäßigen Essens Sodbrennen hatte, um 14.30 Uhr in Alexandrien an. Mit dem Taxi fuhr ich weiter nach Kairo und übernachtete in der Pension Viennoise, in der Nähe des Midan Tahrir. Am nächsten Tag fuhr ich zu den Pyramiden, anschließend unternahm ich einen achtstündigen Ritt mit dem Kamel nach Sakkara. Nicht nur alle Knochen taten mir weh sondern ich wurde obendrein auch noch betrogen. Insgesamt hielt ich mich vom 5.9. bis zum 11.9. in Kairo auf und fuhr am 12.9. mit dem Zug nach Luxor. Die Fahrt dauerte von 7.30 Uhr bis 18 Uhr. Luxor ist eine schöne Kleinstadt mit herrlicher Lage am Nil. Gleich am nächsten Morgen besichtigte ich Karnak, am Nachmittag Luxor und übernachtete in der Jugendherberge Beit-Schebab. Der ganze nächste Tag war ausgefüllt mit einem Besuch des Tales der Könige, Deir al Bahar und anderer Sehenswürdigkeiten. Am 15.9. fuhr ich von Luxor mit dem Zug wieder zurück nach Kairo und erlebte dort eine jener heiligen Nächte, in der aus den Lautsprechern in den Straßen überall die Stimme der Koranrezitatoren erschallte. Am 18.9.71 flog ich mit der MEA nach Beirut und fuhr am 20.9. mit dem Taxi nach Damaskus und von dort nach Hama, wo ich Haci Hasim traf und mit ihm fast eine Woche verbrachte. Am 26.9. fuhr ich weiter nach Aleppo und Iskenderun, von dort nach Adana und Alanya. Ich besichtigte Alanya und fuhr über Denizli nach Babadag. Über Izmir ging es zurück nach Eskisehir und Istanbul. Dieses Mal fuhr ich nicht mit dem Zug sondern mit dem Omnibus heim. Damit beendete ich wieder eine wunderbare Reise, die immer stärker meine Liebe zum Orient festigte.

Im Januar 1972 trat ich meine wohl bedeutendste Reise in meinem Leben an. Es war eine Pilgerreise nach Mekka und Medina. Von Frankfurt aus flog ich nach Djdda und wartete dort geduldig ein, zwei Tage, bis ich nach einer Religionsprüfung vor einem Scheich die Erlaubnis erhielt, als anerkannter Moslem die heiligen Stätten zu besuchen, weil man zunächst der Ansicht war, dass aus Deutschland keine Moslem mit Vornamen Johann kommen. Ich blieb 3 Wochen lang in Mekka und 4 Wochen in Medina und besuchte dort an der Uni einen Schnellkurs für Arabisch. Es gefiel mir dort so gut, dass ich eigentlich für immer dort bleiben wollte. Da ich aber nur ein Pilgervisum hatte, musste ich wieder ausreisen. Es kam zu keiner Rückkehr in diese wunderbare islamische Stadt, weil ich mir auf dieser Reise eine Gelbsucht geholt hatte, die ich in München im Schwabinger Krankenhaus auskurieren musste und dadurch acht Wochen ans Bett gefesselt war. Später verging mir die Lust wieder an die Universität von Medina zu reisen und ließ mich lieber auf ein neues Abenteuer ein ... meine Eheschließung mit einer jungen Türkin.

Am Nachmittag des 24. Dezember 1972 bestieg ich wieder den Zug nach Istanbul und fuhr gleich weiter nach Ankara. Dort traf ich einen türkischen Studenten, den ich in Trudering kurz vorher im Fastenmonat beim Gebet in einer Gastarbeiter Unterkunft kennen gelernt hatte. Er brachte mich in sein Dorf, das Toklümen heißt und tief verschneit 50 km von Kirsehir entfernt lag. Dort verlobte ich mich mit seiner Nichte, der Tochter seines ältesten Bruders Salih, mit der er mich in der Schwesternschule in Yozgat, wo sie sich in Ausbildung befand, bekannt gemacht hatte. Die Verlobung war sehr romantisch in der etwas armseligen Hütte der Eltern beim Schein der Petroleumlampe und einem Batterie betriebenen Plattenspieler. Nachbarn kamen hinzu, es wurde getanzt und ich durfte vor dem Schlafengehen mit Rahime für kurze Zeit allein im Raum bleiben. Wir waren uns fremd und sind es wohl immer im Herzen geblieben. Im Sommer 1973 fuhr ich das erste Mal mit dem Auto nach Toklümen, um zu heiraten. Ich wollte noch einmal einen Rückzieher machen, bestieg das Auto und fuhr non stop durch bis München. Jetzt konnte ich mich noch einmal in aller Ruhe entscheiden zwischen Heirat oder Junggesellenleben. Ich entschied mich für die Heirat und fuhr mit dem Zug wieder zurück in das Dorf. Dort heiratete ich im Juli 1973 meine Frau, die ich kurze Zeit später mit nach München in mein Elternhaus brachte. Im September 1974 bekamen wir unseren ersten Sohn.

Damit waren meine Reisen als Junggeselle endgültig beendet. Ich habe in den zehn Jahren, wo ich gereist bin sehr viel gesehen und viele Menschen kennen gelernt. Ich habe den Islam studiert und bin zu dieser Religion übergetreten. Ich brachte mir die türkische Sprache selbst bei und konnte später 28 Jahre als türkischer Dolmetscher bei der Stadt München arbeiten. Es waren wohl die schönsten Jahre meines Lebens. Meine Mutter lebte noch, und es war immer wieder schön heimzukehren ... zu den Wurzeln ... ins Elternhaus. Ich reiste sehr gerne und scheute keine Mühen. Viel Geld musste ich bei diesen Reisen nicht ausgeben, denn die meiste Zeit konnte ich bei Freunden und Bekannten übernachten, wurde von ihnen bewirtet und genoss die Gastfreundschaft in diesen Ländern. Der Orient hat mein Leben, meine Einstellung zum Leben und meine Lebensweise geprägt. Leider ist der Orient von heute nicht mehr jener Orient, wie ich ihn kennen gelernt habe. Es gab noch keinen Terrorismus, und man musste nicht um sein Leben bangen, wenn man sich in diesen Ländern aufhielt. Mein Freund Ömer Dincer aus Konya ist gestorben. Auch der Onkel meiner Frau, der uns zusammen gebracht hat, lebt nicht mehr. Als ich viele Jahre später mit meinen beiden Söhnen noch einmal nach Syrien gefahren bin und in Hamma nach Haci Hasim geforscht habe, fand ich ihn auch nicht mehr. Von Abdallah aus Nablus habe ich nie wieder etwas gehört. Was aus ihm wohl geworden ist? Es waren neben Ömer Dincer aus Konya meine besten Freunde, die ich auf diesen Reisen kennen gelernt habe.

Heute habe ich auch ein zwiespältiges Verhältnis zum Islam. Der Koran ist für mich ein Buch aus Beton und fast identisch mit dem Alten Testament, das man schief halten muss, damit das Blut herauslaufen kann. Ich habe zu Jesus und seiner Lehre von der Gewaltlosigkeit und der Liebe zu den Menschen und Gott zurückgefunden, obwohl ich keiner Konfession mehr angehören möchte.

Hans Lehrer - im Sommer 2013 (nach 50 Jahren)