Schnupftabak ... Schmaizler ... Schmai

Obwohl ich Nichtraucher bin, genehmige ich mir ab und zu in geselliger Runde eine Prise Schnupftabak oder Schmai, wie man bei uns zu sagen pflegt, um etwas für die sogenannte Gesundheit zu tun. Seine Verwendung als Niesmittel bewirkt nämlich, dass mit dem Nasenschleim Krankheitsstoffe aus Kopf und Hirn herausfließen. Mit dieser Auffassung stehe ich nicht allein da. In den Aufschriften zu dem echten Schneeberger Schnupftabak steht klar und deutlich zu lesen: “Dieses edle, gerechte und approbierte Schneeberger Haupt-, Hirn- und Flusspulver, des Tages etliche Male gebraucht, ist gut für den Schwindel, verzehrt die Flüsse, stärket das Gedächtnis und führet viel Feuchtigkeit aus dem Gehirn.” Ähnliche Wirkung schrieb man dem Oburner “Veieli” zu, in dem man Arnikablüten mit dem Schnupftabak vermischte. Schnupftabak aus Maiglöckchenblüten verwendet man gegen den Schlagfluss.

Weitere Verwendung in der Volksmedizin findet Schnupftabak gegen Zahnschmerzen, Schlucken, üblen Geruch und gegen Schwangerschaft. Er wurde aufgelegt bei Stickhusten, sowie auf offene Wunden. Gibt man jemand in Schwaben gedörrte Fuchsleber zu schnupfen, so wird er niesen und in die Hosen machen. Im Züricher Unterland tat man anderen Roststaub in die Schnupftabaksdose, um sie zu heftigem Niesen zu bringen.

Niesen gilt als Glückszeichen, und wir können von Glück oder Unglück sagen, dass uns Christoph Columbus den Tabak aus Amerika mitgebracht hat. Ursprünglich durften nur Adelige und ausgewählte Personen dieses Genussmittel, von dessen Schädlichkeit man heutzutage überzeugt ist, rauchen.

Wie auch beim Starkbier bescherte uns die Pfiffigkeit der geistlichen Herren in den Klöstern den Schnupftabak. Sie zerrieben die gerollten Tabakblätter, pulverisierten sie und gaben ätherische Öle oder wohlriechende Zutaten zum Tabak. Damit überlisteten sie alle Vorschriften, selbst das Rauchverbot in den Kirchen. Auch im Beichtstuhl konnte man den Tabak genießen, um unangenehme Gerüche wie z.B. den Mundgeruch auszuhalten.

Nicht jeder Schnupftabak ist gleich gut. Das fängt schon an beim Reiben im Mörser, durch das der Tabak die nötige Luft erhält. Der gekaufte Schnupftabak, der sogenannte Schmalzler, ist durchaus bekömmlich, ihm fehlt aber meist der eigentliche Geschmack von früher. Verbessern lässt sich dieser dadurch, dass man eine kleine Portion Butterschmalz beimengt, um alle Geruchsfeinheiten zu binden und in der Nase eine bessere Wirkung zu erzielen. Es soll so viel Schmalz hinzugefügt werden, bis der geriebene Tabak am Mörser hängen bleibt. Man spricht: “Er steht an der Wand” und merkt es auch, wenn man mit dem kleinen Finger eine Prise aus dem Mörser nimmt, die nicht herabfällt, auch wenn man den Finger schräg hält.

Eine weitere Verbesserung des Tabaks kann durch einen Tropfen Rosen-, Zimt-, Zitronen oder Eukalyptusöl erreicht werden. Mit dem kleinen Zitronenreiber kann man auch Bärwurz pulverisiert beimengen. Dasselbe gilt für pulverisierte Kreide, die einen milden bzw. weichen Geschmack des Schnupftabaks bewirkt. Auch Brennesselpulver (Teepulver) kann man darunter mischen. Dies bewirkt eine gewissse Frische, und so übt man und übt man, bis alle Wünsche erfüllt sind.

Besonders sollte man auf die Art des Schnupfens achten. Der Bayerwäldler hat den Schnupftabak nie in die Nase hochgezogen, machte auch bei sog. Schnupftabak-Wettbewerben nicht mit, denn dies war ihm verpönt. “Schade um den guten Schnupftabak.” Er gehört mit dem kleinen Finger an den linken oder rechten Nasenflügel innen angelegt. Anschließend werden beide Nasenflügel liebevoll gedrückt. Somit hält der Tabak in den vorderen Schleimhäuten der Nasenflügel. Schnupftabak im oberen Teil der Nase oder gar im Hals sollte grundsätzlich vermieden werden.

Der Tabak wird am besten im Kühlschrank, im Glas bzw. in einer Tupper-Schüssel aufbewahrt, damit das verwendete Butterschmalz keine Geschmacksveränderung bekommt. Auch die Frische bleibt dort erhalten. Tabak, der älter als 14 Tage in der Hosentasche oder woanders mitgeführt wird, schmeckt schlaff, müde wie ein Hundertjähriger auf der Wanderschaft.

Hans Lehrer