Sterbebilder

Von jeder katholischen “Leich” bringt man, einem alten Brach zufolge, auch heute noch ein Sterbebild mit nach Hause. Es dient dem christlichen Andenken an den Verstorbenen und der Erinnerung seiner im Gebet.

In einer Schachtel bewahrten meine Großeltern eine Fülle von Totenbildern auf, und je älter beide wurden, desto öfters gaben sie einem Toten das letzte Geleit, oder zogen immer häufiger den schwarzen Mantel an, wie der Heimatdichter Herbert Schneider richtig zu bemerken pflegt. Früher, wo sich noch alle gekannt haben ,war es in unserem Dorf Sitte, dass aus jedem Hof wenigstens einer auf die Beerdigungen ging. Die dort jedes Mal ausgeteilten Sterbebilder bildeten allmählich eine Dorfchronik ganz besonderer Art. Durch sie blieben die Toten, mit dem Hofnamen, ihrem Stand, Alter und Beruf im Gedächtnis, auch wenn ihr Grab schon längst nicht mehr existierte oder der Name vom Grabstein entfernt wurde.

Mein ältestes Sterbebild stammt aus dem Jahr 1887. Am 9. Dezember starb die Sattlermeistersgattin in Straßtrudering, Kreszenz Kraft. Sie wurde nur 27 Jahre alt. Die Vorderseite des Bildes zeigt trauernde Hinterbliebene am frischen Grab, denen ein Engel den Weg zum Auferstandenen weist, der über den Wolken schwebt. Unter ein paar Verszeilen auf der Bildrückseite, die vor allem den Leidtragenden Trost und Hoffnung spenden sollten, stehen die Worte: “Mein Jesus Barmherzigkeit!” und “Süßes Herz Mariä sei meine Rettung”. Mit diesem Gebet konnten jeweils 100 Tage Ablass für die “theure Verstorbene” gewonnen werden.

Mir fällt auf, dass viele der Toten nicht einmal das 60. Lebensjahr erreichten und oft schon viel früher aus dem Leben schieden. Ganze zehn Jahre ist sie nur alt geworden, die Ökonomenstocher Anna Weismohr vom Krameranwesen in Kirchtrudering, als sie am 24. Juni 1897 “sanft verschieden” ist. Im Gegensatz dazu und wohl als eine der wenigen Ausnahmen, erreichte die ehemalige Leichenfrau in Kirchtrudering, Frau Theres Müller, ein fast biblisches Alter. Sie, die selbst so viele für den letzten Weg zurechtgemacht hatte, starb am 8. April 1907 mit 86 Jahren.

Totenbilder, in denen das Bildnis des Verstorbenen eingedruckt ist, gibt es bei uns erst seit dem ersten Weltkrieg und zeigen meistens gefallene Soldaten, in ihrer Uniform, die “den Heldentod fürs Vaterland” gestorben sind. Es starben Reiche, wie der “Gastwirt und Großgrundbesitzer in Riem” Joh. Baptist Leibenger am 19.1.1896 und ganz Arme, wie der “tugendsame Jüngling” Xaver Thalhamer, Ablösewärtersssohn in Kirchtrudering, am 26.6.1899, der nur 14 Jahre alt geworden ist. Auf vielen Bildern steht auch, dass die Todkranken noch mit den hl. Sterbesakramenten versehen wurden. Vermerkt ist ferner, ob sie lange gelitten oder schon nach kurzer Krankheit das Zeitliche gesegnet haben, oder gar bei einem Unfall ums Leben kamen. “Schnell und unerwartet” starben die wenigsten. Scheinbar gab es damals noch nicht so viele Herztode wie heutzutage.

Wird das Sterben aber zu einer Frage der anonymen Entsorgung, wie es vielerorts heute schon der Fall ist, verliert das christliche Sterbebrauchtum leider seine Bedeutung, und auch das Interesse an den Sterbebildern geht verloren.

Hans Lehrer