Tagebücher

Tagebücher haben eine lange Tradition. Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die Antike, wo Perser, Griechen und später auch Römer durch ihre tagtäglichen Aufzeichnungen über ungewöhnliche Zeitgeschehnisse die Grundlagen für eine sich allmählich entwickelnde Tagebuchkultur in Europa schufen. Goethes “Dichtung und Wahrheit” oder sein “Werther” lösten vor zweihundert Jahren geradezu eine Tagebuch Epidemie aus. Besonders Frauen fingen an Tagebuch zu führen, war es doch lange Zeit neben dem Briefwechsel die einzige Möglichkeit für sie, sich schriftlich zu äußern. Erschütternde Berühmtheit erlangten die Tagebuchaufzeichnungen der Anne Frank, jenem jüdischen Mädchen, das 1944 sein junges Leben verlor. Sensationell war das plötzliche Auftauchen der Hitler-Tagebücher, die sich als Fälschung entpuppten.

Tagebücher erleichtern das Erinnerungsvermögen und bewirken darüber hinaus eine heimliche Aussprache, die der Schreiber mit sich selbst hält, indem er sein eigenes Ich befragt und sich dabei besser kennen lernt. Begierden, Wünsche, Träume, die nirgendwo anders dem geduldigen Papier anvertraut werden können, schlagen sich hier hemmungslos nieder. Tag für Tag wird notiert. Tagebuchformen gibt es so viele wie Tagebuchschreiber. Neben dem intimen Tagebuch, das sich ausschließlich mit dem eigenen Leben befasst, gibt es das politische bzw. historische, das Tagebuch als Chronik, das Notiz-, Reise-, Schmerz- oder Traumtagebuch. Tagebücher enthalten oft brisante Eintragungen, die es für den Schreiber selbst oder seinen Erben ratsam erscheinen lassen, dafür zu sorgen, dass gewisse Aufzeichnungen rechtzeitig verschwinden. Auf diese Weise glaube ich, dass uns auch die ganze Wahrheit über viele geheimnisumwitterte historische Persönlichkeiten vorenthalten bleibt.

Als mein älterer Bruder siebzehn Jahre alt wurde und den Mädchen nachzusteigen begann, fing er ein Tagebuch an, dessen regelmäßige Einträge natürlich sofort meine Neugierde weckten. Kaum dass die Tinte eingetrocknet war, las ich heimlich darin und staunte nicht schlecht über die blumenreiche Sprache, in der mein Bruder sich auszudrücken pflegte, obwohl ich als achtjähriger Bub noch nicht so recht verstand, was er damit meinte, wenn er wie ein Schmetterling von einer Blüte zur anderen flog. Machte ich aber über das Gelesene augenzwinkernd lustige Andeutungen, konnte ich sicher sein, von ihm eine geschmiert zu bekommen. Selbst aber wurde ich zum eifrigen Tagebuchschreiber, als ich mir folgende Zeilen im Achtklasslesebuch zu Herzen nahm:

“Jeden Abend sollst du deinen Tag
prüfen, ob er Gott gefallen mag,
ob er freudig war in Tat und Treue,
ob er mutlos lag in Angst und Reue ... “

Während des Schreibens wird mir stets aufs Neue bewusst, dass wir im Laufe unseres Lebens Täler der Trübsal durchschreiten müssen aber auch Höhen der Freude und des Glücks erleben dürfen - immer mit dem Gedanken, dass es der Herrgott schon richten wird. Oft ist es aber schwer, den Sinn des menschlichen Daseins richtig zu verstehen und wir geraten ins Grübeln. Mit sich selber dabei ins Reine zu kommen, dafür ist das Tagebuch im Leben allemal ein guter Begleiter.

Hans Lehrer