Die Lebensretter

Die Lebensretter Mein Vater hatte mich auf das Fuhrwerk gesetzt das von einem Ochsen gezogen wurde. Es mag wohl kurz nach Kriegsende gewesen sein, als er mit dem Gefährt auf der Straße unterwegs war, die an einem Fußballplatz vorbei führte. Auf dem Sportplatz befanden sich amerikanische Soldaten, die sich mit Sport ihre Freizeit vertrieben. Vater ging hinter dem Wagen her, als der Ochse plötzlich ausbrach und davon rannte. Noch heute sehe ich meinen Vater, wie er hilflos dem Wagen hinterher lief und ihn nicht mehr erreichte. Ich durchlebte Schrecksekunden, die sich tief in mein Gedächtnis eingruben. Durch mein jämmerliches Schreien aufmerksam geworden, stürmten die Amerikaner geistesgegenwärtig auf den Ochsen zu und brachten ihn zum Stehen, wie sie es daheim auch mit ihren Viehherden machten. Durch diese gute und mutige Tat retteten sie wahrscheinlich mein Leben; denn je mehr ich später darüber nachdachte, waren meine Chancen, diesen Vorfall unversehrt zu überstehen, aussichtslos. Sicher wäre ich vom Wagen gefallen, und ein Wagenrad hätte mich unter sich begraben. Obwohl ich damals erst drei oder vier Jahre alt war, erinnere ich mich noch gut an die Erleichterung, die man meinem Vater anmerkte, als er mich in seine Arme nahm und nicht mehr loslassen wollte. Was aus dem Ochsen wurde, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht holte ein Metzer bald darauf das unberechenbare und störrische Tier ab, um es zu Fleisch und Wurst zu verarbeiten. Auch meinem Vater sollte dieser Vorfall eine große Lehre sein, mich nicht mehr allein auf einen Bretterwagen zu setzen. So nannte man dieses Gefährt, das nur eine schmale Bretterumrandung hatte, die alles andere als sicher war. Ich glaube, dass mir auch mein Schutzengel geholfen hat und dafür sorgte, das nichts Schlimmeres passierte.

Hans Lehrer