Block-Schokolade

Tante Betti (links), Tante Marie (rechts) Mein Vater hatte noch vier Geschwister, die alle, im Gegensatz zu ihm, nicht geheiratet haben sondern gemeinsam auf dem Hof blieben, den ihr Vater an den ältesten Bruder übergeben hatte. Nur der Jakl, mein Vater, sorgte für Nachwuchs und heiratete meine Mutter Maria Trinkl, die manchmal spöttisch sagte, dass der Vater in seiner Familie das fünfte Rad am Wagen gewesen sei, für den es keinen Platz mehr gab und er deshalb sein Glück in der Ehe suchte, aus der drei Kinder hervorgingen, meine ältere Schwester, mein älterer Bruder und ich als Nachzügler. Wir wurden von den ledigen Onkeln und Tanten wie ihre eigenen Kinder behandelt und verbrachten viele Stunden auf dem Bauernhof in Kirchtrudering. Nur ab und zu wurden wir zur Arbeit eingespannt, aber die meiste Zeit befanden wir uns in einem Spielparadies. Meine Kindheit fiel in die Nachkriegszeit, in der es wenig zu essen gab, gespart werden musste und trotzdem für mich eine schöne Zeit war. Onkel Philipp Die beiden Tanten, Marie und Betti nahmen mich mit, wenn sie irgendwo hinfuhren, einen Besuch machten oder mit mir, einmal im Jahr, einen Ausflug in die Berge unternahmen, steckten mir ab und zu ein Paar Pfennige zu, die sie sich selbst vom Mund abgespart hatten und verzogen mich nach Strich und Faden. Die beiden Onkel Philipp und Ludwig waren das glatte Gegenteil, strenge, sture, geizige alte Männer, die Angst hatten, ich würde von den Tanten zu viel erwischen oder viel zu stark verwöhnt werden. Unvergesslich bleibt in meinen Erinnerungen jener Abend, an dem alle in der Küche am Esstisch Platz genommen hatten, um das Abendbrot einzunehmen. Jeder hatte seinen angestammten Platz, auf dem er immer saß. Darauf legte Onkel Philipp, der Herr im Haus, großen Wert und niemand wagte es, sich seinen Anordnungen zu widersetzen. Er bestimmte unter anderem, was jeden Tag auf den Tisch kam und machte einen Essensplan für die ganze Woche, der sich im Laufe des Jahres zweiundfünfzig Mal wiederholte. Dabei wurde an allem gespart, was eingekauft werden musste. Mehl, Milch, Kartoffeln und Eier etc. kamen aus der eigenen Landwirtschaft, Gemüse und Obst aus dem Garten, und die Kleidung, die nach Kuhstall roch, war zwar altmodisch, hielt jedoch über Jahrzehnte.

Onkel Ludwig Um wieder auf meine Geschichte zurückzukommen, zu jenem Abend, an dem es zur Nachspeise für alle zusammen eine Tafel BLOCK-Schokolade gab. Ich durfte wie immer neben Tante Marie sitzen, wenn ich am Essen teilnahm. Den Buchstaben B der Schokolade bekam Onkel Philipp, L kriegte Tante Betti, das O nahm sich Onkel Ludwig, das C erhielt Tante Marie und der Buchstabe K war für mich bestimmt. Das war eine gerechte Verteilung, bei der niemand zu kurz kam. Ach hätte meine Tante Marie damals doch nur nicht den Wunsch geäußert, dass sie ihren Buchstaben C gerne mir schenken würde. „Wieso soll der Hansl zwei Rippen bekommen?“, begann Onkel Ludwig zu schimpfen, wo doch alle nur eine bekamen. Es gelang ihm, alle Teile der Schokolade wütend wieder einzusammeln und sie voller Zorn auf den Misthaufen zu werfen. Dort lag sie nun, und alle gingen leer aus, bis auf den jähzornigen Onkel Ludwig. Langsam beruhigten sich die Gemüter. Er aber schlich sich später zum Misthaufen hinaus und fand die Schokolade, steckte sie ein und aß alle fünf Buchstaben der ganzen BLOCK-SCHOKOLADE heimlich alleine auf.

Pech für die anderen, die diesen Vorfall rasch wieder vergaßen. Nur in meinem Gedächtnis blieb er für immer haften. Heute, wo alle schon längst tot sind, kann ich darüber nur lachen, wie über so viele anderen Dinge, die sich in meiner Kindheit zugetragen haben.

Hans Lehrer