Mein Bognerhof

(1917 - 2017)

Mein Bognerhof Meine Geschichte über den Bognerhof beginnt im Jahr 1917, als mein Großvater Paul Trinkl (1866-1937) dieses Anwesen an der Truderinger Straße 293 um 26 000 Mark erwerben konnte. Mit seiner Frau, seinen fünf Töchtern und dem einzigen Sohn kam er aus Bogenhausen. Auf dem Bild sieht man ihn mit seinen Töchtern Anna, Johanna und Paula. Daneben sitzt die Großmutter Katharina Trinkl. Großvater hatte noch Glück; denn sein Geld war in Kriegsanleihen angelegt, die kurze Zeit später schon wertlos wurden. Das alles weiß ich aus den Erzählungen meiner Mutter, die nach ihrer Hochzeit 1926 mit meinem Vater weiterhin neben den Großeltern im ersten Stock des Anwesens wohnen blieb. Mein Bruder kam 1933 im Bognerhof auf die Welt, hatte die Nabelschnur um den Hals und war schon blau angelaufen. Zur Nottaufe wurde Kaplan Lederer gerufen. Großvater starb 1937 und hatte kein Testament verfasst. Aus dem Bognerhof wurde eine Erbengemeinschaft, mit allen Schikanen, die sich Geschwister einander antun können. Als ich 1942 auf die Welt kam und dort ebenfalls meine Kindheit verbrachte, herrschte noch drei Jahre Krieg. Wahrscheinlich kann ich mich deshalb sehr weit zurück erinnern. Mein Bognerhof Vor Bomben blieb das Anwesen Gott sei Dank verschont, aber immer öfters mussten wir in den Luftschutzkeller, der auf der anderen Straßenseite lag, flüchten. Nach dem Krieg gab es auf der Truderinger Straße regelrecht eine Völkerwanderung, und der Bognerhof musste unangenehme Gäste ertragen, die zuerst bettelten und dann klauten. Als ein amerikanischer Soldat mit schwarzer Hautfarbe einmal sämtliche Hühner beschlagnahmen wollte, konnte ihn unsere Mutter dazu überreden, sich mit einem Korb Eier zufrieden zu geben. Es ging damals ums nackte Überleben. Außer den Hühnern hatten meine Eltern noch Ziegen, Schafe und später ein Schwein. Als 1948 mein Onkel in das Anwesen einzog und Besitzrechte geltend machte, wurde uns das Leben dort zur Hölle gemacht. Aus war es mit dem Paradies, das ich als Kind besonders genossen hatte. Ende September 1950 zogen wir aus dem Bognerhof aus. Ich war damals acht Jahre alt und konnte einfach nicht begreifen, dass wir dort nichts mehr verloren hatten. Einmal noch wollte ich mit der Vergangenheit Frieden schließen. Nachdem der Sohn meines Onkel das Anwesen an die Sozialstation verkauft hatte, durfte ich meinen 60. Geburtstag im Stadel groß feiern.

Eine gute Tat hat mein Onkel dennoch bewirkt. Er ließ den Bognerhof unter Denkmalsschutz stellen, so dass ein Gefühl der Zufriedenheit in mir aufkommt , wenn ich daran vorbei gehe. Erinnerungen werden dabei wach, an meine Kindheit, an meine Eltern und Geschwister.

Hans Lehrer