Meine Großmutter

Meine Großmutter Mit Vornamen hieß meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, Katharina. Bevor sie meinen Großvater Paul Trinkl am 9. März 1891 in München heiratete, schrieb sie sich Danner. Zeitlebens war meine Großmutter, die am 17. März 1865 in Mitterlern bei Erding auf die Welt kam, eine kreuzbrave, bescheidene Frau. Acht Kinder brachte sie zur Welt, und mit ihrem Mann war nicht immer leicht auszukommen. Sie war es gewohnt zurückzustecken und zu schlucken. Trotz der vielen Kinder verdiente sie sich in der ersten Zeit etwas hinzu, indem sie daheim Bürsten band. Oft bewies sie, dass man sich auch mit Milde durchsetzen kann und ans Ziel kommt. Gar manchen klugen Rat konnte sie meinem Großvater geben und drehte es immer so hin, als hätte er den guten Einfall gehabt. Als während des ersten Weltkrieges Großvater in seinem patriotischen Eifer seinen Goldmarkbestand gegen Kriegsanleihen eintauschte, bat sie ihn, er möge doch nicht alles Geld hergeben und es lieber für die Kinder aufheben. Recht hatte sie gehabt, leider hörte er nicht darauf. Gerade noch rechtzeitig konnte Großvater 1917 ein Anwesen in Trudering davon kaufen, nachdem Großmutter ihm von einem Hauskauf in Taufkirchen abgeraten hatte, da sich das Grundstück, durch das sogar der Hachinger Bach floss, neben dem Friedhof befand und Großmutter die Nähe zu den Toten scheute. Als die Missionare in Trudering waren, überredete sie ihren Mann, er möge doch nach dreißig Jahren endlich wieder einmal zur Beichte gehen und erzählte ihm, wie verständnisvoll die geistlichen Herrn wären.

Meine Großmutter Sie tat auch etwas für ihre Gesundheit und ließ sich zum Kauf eines Elektrisierapparates überreden. Spöttisch wurde sie vom Großvater gefragt, ob sie hundert Jahre alt werden möchte.

Die erwachsenen Kinder hingen an ihrer Mutter, liebten und verehrten sie. Wie musste sie aber enttäuscht sein, als sie sich nach dem Tod des Vaters um das Erbe stritten. Für sie unverständlich, wo sie doch Zeit ihres Lebens niemals etwas beansprucht hatte. Ihr Lebenswille war geschwächt. Jeden Tag ging sie in die Frühmesse und holte sich am Schluss in der kalten Kirche eine Lungenentzündung. „Sterben möcht' ich“, murmelte sie, als sie mit hohem Fieber im Bett lag, und der Herrgott hatte ein Einsehen.

Hans Lehrer