Mein Lebtag lang

Mein Lebtag lang

In meinem langen Leben,
war allerhand schon los,
mitten im Krieg geboren,
ein Nachzügler halt bloß.

Die Mutter sechsundvierzig,
der Vater auch so alt,
beschützten meine Kindheit,
wärmten mich, war mir kalt.

Mit zwanzig ging die Reise
bis nach Jerusalem,
ich wollte alle Stätten,
wo Jesus war, mal seh'n.

Mein Lebtag lang

Doch Gott wird auch in Mekka,
sehr inbrünstig verehrt,
deshalb wurde ich Moslem,
das war es mir glatt wert.

Als Pazifist wie Jesus,
beging ich Fahnenflucht,
drei Monate vergeblich,
hat man nach mir gesucht.

In Indien am Ganges,
sprang ich ins Wasser rein,
ich wollte dort nicht bleiben
und fuhr bald wieder heim.

Heiratete mit dreißig,
mitten in der Türkei,
bin Vater von vier Kindern
und Opa nebenbei.

Mein Lebtag lang

Mit vierzig wollt' ich wissen,
wo kommen wir denn her,
forschte in den Archiven
und weiß inzwischen mehr.

Ich pflegte unser Brauchtum,
entschlossen wie ich war,
trug unsre Tracht mit fünfzig,
sie stand mir wunderbar.

Im Ruhestand mit sechzig,
begann die wilde Zeit,
jetzt mache ich fast nur noch,
was mich am meisten freut.

Mit sechsundsiebzig Jahren,
kein Ende ist in Sicht,
Neugier ist gut im Leben,
längst geht mir auf ein Licht.

Die Liebe meines Lebens,
fand ich noch ganz zum Schluss,
für mich ist es Erfüllung,
für andere Verdruss.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 19.08.2018

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