Die Leiden meiner Tochter

Die Leiden meiner Tochter

Unsere Eltern wurden 1926 evangelisch getraut. Mutter tat es schweren Herzens; denn sie war gern katholisch und musste sogar damit einverstanden sein, dass auch wir Kinder wie unser Vater, evangelisch werden sollten. Das war nicht einfach für unsere Mutter in einer katholischen Dorfgemeinschaft, wie Trudering sie damals war. Sie setzte sich trotzdem mit der Zeit durch, und ihre drei Kinder, von denen ich das jüngste war, wurden katholisch, zum Ärger des damaligen evangelischen Pfarrers von Trudering, Högner, der meinem Vater in einem Brief nahelegte, sich entweder durchzusetzen, oder sich von seiner Frau zu trennen. Dieses wichtige Dokument bewahre ich noch heute auf. Gottseidank hielt Vater sich nicht daran, so dass erst der Tod unsere Eltern voneinander trennte.

Vater stammte aus einem Bauernhof, dem einzigen evangelischen Gehöft in Kirch- und Straßtrudering, das von seinen vier ledig und kinderlos gebliebenen Geschwistern, zwei Brüdern und zwei Schwestern, bis zu ihrem Tod weiterhin bewirtschaftet wurde. Neben uns, als rechtmäßige Erben, war da noch die evangelische Kirche von Trudering, die darauf hoffte, vom Erbe etwas abzubekommen. Sie ließ nicht locker bis sie von unserer zuletzt verstorbenen Tante, kurz vor ihrem Tod 1965, u. a. zwei Bauplätze erhielt, auf denen sie später einen Kindergarten errichtete und 15 Tagwerk Wald, aus dem Besitz unseres Onkels, für ein Seniorenheim, das nie gebaut werden konnte. All das wurde damals festgehalten in einem unumstößlichen Erbvertrag, veranlasst durch Pfarrer Pürckhauer.

44 Jahre später kam meine Enkelin auf die Welt, die mit ihrer Mutter, meiner Tochter, in derselben Straße wie der Kindergarten, zwei Häuser weiter, wohnte. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, dass meine Enkelin diesen Kindergarten besuchen würde. Aber leider war das am Anfang gar nicht selbstverständlich. Als ich dieses kleine Wunder dennoch erleben durfte, hatte ich schon sehr bald den Eindruck, dass meine Enkelin vom Personal gemobbt wurde und ihre Mutter, gleich dazu.

Der Kindergarten beschwerte sich beim Jugendamt der Stadt München, dass meine Tochter angeblich keine gute Mutter sei, was letztendlich dazu führte, dass meine Enkelin aus dem ev. Kindergarten hinausflog und anderswo unterkam. Das Jugendamt heftete sich seitdem an unsere Fersen und entschied, als meine Enkelin bereits die erste Klasse besuchte, sie in Obhut zu nehmen, so dass Mutter und Kind seit mehr als drei Jahren getrennt sind. Alle vierzehn Tage darf meine Enkelin, die in der dritten Klasse ist, am Wochenende zu ihrer Mutter, wobei es meiner Tochter jedes Mal einen Stich ins Herz gibt, wenn die Kleine sagt: „Mami, ich möchte ganz bei dir bleiben!”

Meine Enkelin ist auf einem Ponyhof in der Nähe von Augsburg untergebracht, wo sie von ihrer Mutter mit dem Auto abgeholt und wieder zurück gebracht wird. Kein Wunder, dass meine Tochter deshalb sehr traurig ist und sich in ärztliche Behandlung begeben musste. Wir fragen uns schon, warum das Jugendamt weiterhin darauf besteht, das Kind in Obhut zu nehmen. Meine Tochter lebt in ihren eigenen vier Wänden in der Nähe der Schule, hat einen großen Garten und geht jeden Tag für einige Stunden ihrem Beruf als Servicekraft nach. An Muttertag blieben beide getrennt, weil dieser Sonntag auf ein Wochenende fiel, an dem meine Tochter ihr Kind nicht bekommt. Als besorgter Großvater frage ich mich ernsthaft und voller Sorgen, wie lange dieses Trauerspiel noch weitergehen soll?

Werde ich es noch erleben, dass meine Tochter und meine Enkelin ... Großvater, Mutter und Kind, wieder glücklich zusammen sind?

Hans Lehrer, Trudering, den 14.5.2019


Hans Lehrer · 14.05.2019

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