Ich erlebte Israel

Ich erlebte Israel

Mit einer Schülergruppe der Stadt München fuhr ich heuer vom 28. Juli bis zum 17. August 1962 nach Israel. Die Zeit war vielleicht etwas kurz, um mir einen genauen Einblick in das Land, in die Lebensweise seiner Bewohner verschaffen zu können. Doch war mir zumindest Gelegenheit gegeben, festzustellen, daß sich sämtliche Vorurteile, mit denen diese Nation oft in gehässiger Weise überhäuft wird, als unwahr erwiesen.

Wir arbeiteten die ersten vierzehn Tage in einem Kibuz (Siedlungsgemeinschaft) Nir-Am, der sich am Rande der Negev-Wüste befindet. Unsere Fahrt sollte keine Urlaubs- oder Studienreise im üblichen Sinne sein – nein – wir waren nach Israel gekommen, um diesen Menschen unseren guten Willen kundzutun. Ihnen im Aufbau ihrer neuen Heimat mit unseren kümmerlichen Kräften ein wenig zu helfen.

Die Zeit im Kibbuz war für mich das größte Erlebnis, das mir je auf einer Ferienfahrt zuteil wurde. Anfangs war es für uns alle schwer, mit den Siedlungsbewohnern Kontakt zu finden. Doch war ich mir schon vor Antritt dieser Reise bewußt, daß es nicht leicht sein wird, als Deutscher das Vertrauen dieser leidgeprüften Menschen zu gewinnen. Müssen sie in uns nicht immer noch ihre schlimmsten Feinde betrachten?

Ich gewann den Eindruck, daß die Einwohner des Kibbuz eine große Familie bilden, die ihre Sorgen und Nöte, ihre Freuden, die Arbeit und wichtige Entschlüsse genauso miteinander teilen, wie das tägliche Brot. Intrige, Neid und – Egoismus – scheinen diesen Leuten fremd zu sein. Doch steckt in ihnen großer Ehrgeiz, der ausschließlich der Gemeinschaft zugute kommt.

Und nun waren wir bei dieser großen Familie auf vierzehn Tage zu Gast. Sie gewährten uns mit ihnen zu arbeiten, am gemeinsamen Tisch zu speisen, überhaupt an ihrem Leben teilhaben zu dürfen. Ich muß zugeben, daß bei vielen jungen Leuten aus unserer Gruppe die Begeisterung für das Kibbuzleben nach den ersten harten, anstrengenden Arbeitstagen beträchtlich abgenommen hatte. Doch sah ich gerade in der Arbeit die schönste Möglichkeit, mit den Einwohnern des Kibbuz, vor allen Dingen mit der jüngeren Generation, in ein freundschaftliches Verhältnis zu kommen.

Ich denke gerne zurück an die Tage, wo ich mit einigen jungen Kibbuzniks auf den Orangefeldern arbeitete. Langsam legte sich ihr Mißtrauen, und ihre Zurückhaltung schwand, als sie sahen, daß ich mit ehrlichen Absichten in ihren jungen Staat gekommen war. Wir tauschten Gedanken aus und schlossen bald enge Freundschaft. Durch sie wurde ich wiederum mit anderen Leuten bekannt. Bei der Arbeit auf den Feldern konnte ich sehen, mit welcher Liebe diese Menschen ihr Land bebauen, wie sie keine Mühe scheuen und auf jeden Luxus gerne verzichten. Was Heimat für die ewig Heimatlosen bedeutet, ahnte ich da. Kein Kibbuznik würde je seinen Boden kampflos preisgeben. Die Einwohner aller Kibbuzim stellen meiner Ansicht nach eine Elitemannschaft in Israel dar.

Nie vergessen werde ich die Abende, die wir mit jüngeren und älteren Kibbuzniks zusammen verbrachten. Wir sangen gemeinsam deutsche und hebräische Volkslieder. Unermüdlich tanzten wir die Horra und dazwischen wieder bayerische Volkstänze. Ich dachte mir oft, dass junge Leute mit ihrem Idealismus in der Völkerverständigung viel mehr Erfolg erzielen können, als Staatsmänner mit ihren Entwicklungsgeldern.

Leider verging die Zeit viel zu rasch. Ich schied ungern von meinen neuen Freunden. Doch hoffe ich, daß ich im nächsten Jahr nochmals für längere Zeit im Kibbuz bleiben kann. In der Zwischenzeit werden wir durch Briefe unsere freundschaftliche Verbindung pflegen.

Im zweiten Teil der Reise gab man uns Gelegenheit, das Land durch Besichtigungsfahrten kennenzulernen. Wir wollten überall Einblick erhalten, vor allem in die großartige Pionierarbeit der Israelis, die diesen jungen Staat in jeder Beziehung zum Blühen gebracht hat. Der südlichste Punkt unserer Fahrt war Sodom am Toten Meer. Die großartigen Eindrücke, die wir uns hier von der Negev-Wüste verschaffen konnten, ließ uns die hohe Temperatur, die dort herrscht, vergessen. Über Beer-Sheba ging es weiter nach Rohovot. Nach einer kurzen Besichtigung des Weizmanninstitutes , das eine der fortschrittlichsten Forschungsstätten der Welt zu werden verspricht, fuhren wir nach Jerusalem, der Stadt, die Mittelpunkt dreier großer Weltreligionen und Hauptstadt des jungen Staates Israel ist. Unsere Reise führte uns weiter nach Nazareth, weiter an den Genezareth See zum Kibbuz Ein Gev. Tel Hai, ein Ort, der sich im Gebiet des Hule-Sees befindet, war unser nördlichster Reisepunkt.

Hier konnten wir auch einen Teil der Jordan-Negev-Wasserleitung sehen. Erfuhren von den großartigen Bewässerungsplänen, mit deren Verwirklichung in nächster Zeit begonnen werden soll. Über Akko und Haifa erreichten wir Tel Aviv. Wir waren am Endziel unserer Reise angelangt.

Am Freitag, den 17. August, brachte uns ein Flugzeug der EL AL zurück nach München. Ich kam begeistert nach Hause. Erhielt noch am Flughafen von meiner Schwester die schreckliche Nachricht, dass unser Vater am 11. August 1962 gestorben war.

Abschließend kann ich feststellen, daß ich mit Israel in enge Beziehung gekommen bin. Während meines drei-wöchigen Aufenthaltes wuchs die Liebe zu diesem Land, zu seiner Bevölkerung, in mir immer mehr. Als ich meine Reise antrat, hatte ich Angst, diesen Menschen als Deutscher gegenüberzutreten, ich glaubte, daß mir überall Haß und Abneigung entgegenschlagen würden. Dieses Volk wäre dazu bestimmt berechtigt gewesen. Doch man begegnete mir überall mit großer Freundlichkeit. Alle Juden, mit denen ich auf meiner Fahrt zusammentraf, waren charakterlich gute – und was mir besonders gefiel – unkomplizierte Menschen. Dieses Volk hat in Palästina wirklich bewiesen, daß es als Bauern und Handwerker auch hart arbeiten und wenn nötig, kämpfen kann. Israel ist durch seine Hände Arbeit zu neuer Blüte gekommen.

Oft schimpft man in Deutschland über die Wiedergutmachungsleistungen der Bundesrepublik an Israel. Ich bin der Meinung, daß Menschen mit derartigen Äußerungen einfach kein Gewissen besitzen. Wir konnten uns überzeugen, wie diese notwendig gebrauchten Gelder gut angewendet worden sind und heute Früchte tragen.

Es ist nur bedauerlich, daß sich unsere Bundesregierung nach wie vor weigert, mit Israel diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Ein solch strebsames Volk sollte in jeder Beziehung unterstützt werden.

Ich wünsche Israel zu allen seinen Unternehmungen viel Erfolg – daß ihm vor allem der Friede erhalten bleibe.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 30.01.2020

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