„Drumherum“

Treffen der Volksmusiker in Regen 31.05.2004

Predigttext von Bischof Wilhelm Schraml

„Drumherum“ – unter diesem Namen haben sich die Freunde der Volksmusik aus ganz Bayern hier in Regen zum 4. Mal versammelt zum großen Fest der Volksmusik. Es ist eine Musik nicht um des bloßen Geschäftes willen, sondern weil sie einfach Freude macht. In ihr kommt die ganze Breite des Denkens und Fühlens, der Freude und der Liebe, des Schmerzes und der Trauer, aber auch des Glaubens der Menschen zum Erklingen. In der Volksmusik ist die spannungsreiche Geschichte der Menschen, ihr Miterleben der Jahreszeiten wie vor allem auch des Kirchenjahres mit seinen vielen Hochfesten und Heiligenpatrozinien Klang geworden. Volksmusik will mit den Zuhörern ins Gespräch kommen, sie will bald in Dur, bald in Moll in die stille Nachdenklichkeit führen.
Von Annette Thoma stammt das Wort: Volksmusik lebt und erneuert sich aus der „gottgewollten, gottgesegneten Einheit von Glaube und Heimat“. Zu ihr gehören die vielen Marienlieder zur „staden“ Zeit im Advent und im Monat Mai wie auch die oft fröhlichen Hirten- und Krippenlieder im Weihnachtskreis. Aber auch einfühlsame Passions- und Osterlieder kennt das Repertoire der Volksmusik. Und wenn wir in der Eucharistiefeier nach der Wandlung den Andachtsjodler hören, dann kann sich der Raum des „Geheimnisses des Glaubens“ und der Anbetung für uns öffnen.
Die Volksmusik ist jene wunderbare Kunst, die uns Gott geschenkt hat, die das Herz der Menschen bewegt und erfreut, tröstet und verbindet.

Es ist gut, dass so viele Menschen – jung und alt – in der Volksmusik unserem menschlichen und christlichen Leben Klang und Sprache verleihen. Es kommt dabei sicher nicht darauf an, große virtuose Leistungen zu vollbringen. Es ist vielmehr die Pflege einer Kunst, die deswegen so wertvoll ist, weil sie so ganz natürlich herauswächst aus den Herzen der Menschen. Deshalb steht die Kirche der Pflege der Volksmusik nicht gleichgültig gegenüber, weil sie weiß, welch edle Kräfte durch die Musik im Menschen geweckt werden können.

Jede Musik lebt von ihrer Melodie. Dabei ist der Phantasie keine Grenze gesetzt. Nur sieben Noten zählt die Tonleiter, doch was lässt sich daraus alles machen! Und jedes Instrument gibt seine besonderen Klangfarben dazu. Vom Grundton geht die Melodie aus, schwingt sich durch Höhen und Tiefen, um wieder zurückzukehren zum Grundton.

Ist das nicht auch so in unserem menschlichen Leben? Kein Mensch auf Erden gleicht dem anderen. Jeder Mensch ist einmalig und unverwechselbar. Deshalb hat jedes Leben seine eigene Melodie, mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinem Ausgangspunkt und seinem Ende.

Josef Haydn schrieb kurz vor seinem Tod – und er fasst darin gleichsam sein ganzes Lebensprogramm zusammen: „Ich hab’s in meinem Leben gehalten wie mit meinen Kompositionen. Ich hab sie mit Gott begonnen und mit einem Laus Deo beendet. Gotteslob war der goldene Faden, der sich durch mein ganzes Leben zog.“
Haydn verstand, was den tiefsten Sinn unseres Lebens ausmacht, nicht die Arbeit, nicht die Jagd nach Geld und Ehre, sondern dass wir Gott und den Menschen mit einem liebenden Herzen dienen und so unser Leben zu einem Loblied machen, das von Gott seinen Ausgang genommen hat, zu ihm zurückkehrt und endlich einmal bei ihm zur Ruhe kommt.

Zur Melodie eines Musikstückes muss die Harmonie kommen. Erst das Zusammenspiel und das harmonische Zusammenklingen der Töne schafft den Wohlklang. Keine Stimme darf fehlen und ausfallen, jeder muss sich einfügen in das Ganze. Musizieren und singen zwingt zum Aufeinanderhören und sich Einordnen.

Das gilt auch für unser eigenes Leben. Wir Menschen leben in Gemeinschaft, sonst würden wir verkümmern. Der hl. Paulus gebraucht einmal das Bild vom Leib und den Gliedern: kein Glied kann für sich allein existieren. Jeder ist auf die anderen und das Ganze angewiesen. Erst wenn wir alle in Liebe zusammenstehen, kommt eine harmonische Gemeinschaft zustande, in der sich alle wohlfühlen. Das gilt von der Familie, von der Gemeinde, von der Gemeinschaft der Völker und besonders auch von der Pfarrgemeinde und der Kirche.

Ein Musikstück ist bestimmt von der Melodie, der Harmonie, aber auch vom Takt.
Zusammenspiel in Harmonie funktioniert nur, wenn da jemand ist, der den Takt schlägt und die Einsätze gibt, wenn alle auf ihn schauen und sich von ihm führen lassen.

So können auch wir Menschen nur in Harmonie und in Frieden leben, wenn wir auf Gott schauen, ihn anerkennen als unseren Herrn und Schöpfer und auf ihn hören. Das tun wir jetzt in der Feier der hl. Eucharistie. Da bekennen wir uns zu Gott als der Mitte unseres Lebens. In dieser Opferfeier unserer Erlösung, in unserem gemeinsamen Singen und Spielen, Beten und Danken, erwächst uns die Kraft, dass unser Leben und unser Lebensalltag nicht vom vielen „Drumherum“ abhängt und wir dabei vergessen auf Gott, den Ursprung und das Ziel unseres Lebens. Nur er kann dieses unser Leben hinführen zu einem großen harmonischen Finale, das in Ewigkeit weiterklingt in der Fülle der Freude.