I red’ boarisch

Immer wieder wollen uns neunmalkluge Sprachforscher weismachen, dass Kinder, die Dialekt oder ein dialektgefärbtes Deutsch sprechen, weniger intelligent wären als ihre hochdeutsch sprechenden Mitschüler und somit in ihrer schulischen Laufbahn hinten dran blieben. So stand es erst kürzlich wieder in einer Zeitung zu lesen.

Als Fachmann kann ich mich dazu nicht äußern, weil ich keiner bin. Als Mensch aber möchte ich meinem Herrgott danken, dass er mir Eltern schenkte, die mit mir bayrisch gesprochen haben. In der Schule hatte ich deshalb nie Schwierigkeiten und war auch nicht dümmer als die andern; denn wir hatten bayrische Lehrer, die uns behutsam die Unterschiede des Dialekts und der Schriftsprache und ihre jeweilig Anwendung lehrten, Niemals hatte ich Probleme, im Aufsatz oder Rechtschreiben beide Sprechweisen auseinander zuhalten, wie heute oft grundlos befürchtet wird. Hätte einer unserer Mitschüler nach der Schrift gesprochen, wäre er von den anderen Kindern wegen seiner seltsamen Ausdrucksweise ausgelacht worden. Oft dauerte es nur ein halbes Jahr, bis auch die Flüchtlingskinder nach dem Krieg ebenso bayrisch sprachen, wie wir.

Heimat und Dialekt sind eng miteinander verbunden. Der Dialekt stärkt das Zugehörigkeitsgefühl eines Menschen und somit auch die Zusammengehörigkeit. Seine Wurzeln, seine Gefühle, seine Seele aber auch Gemüt und Charakter kommen im Dialekt zum Ausdruck. Unsere bayrische Sprache ist eine Bereicherung, die zum Denken anregt. Leider sind mir seit meiner Kindheit viele bayrische Ausdrücke entfallen, und ich freue mich jedes Mal, wenn ich ein Wort höre, das mir früher geläufig war, jedoch im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten ist. Wenn ich bei uns in der Großstadt, wo sich leider alles so radikal geändert hat, einen S- oder U-Bahnfahrer höre, wie er die Haltestellen auf bayrisch ausruft, weiß ich, dass ich in jeder Beziehung auf dem richtigen Weg bin. Die Benützung des Dialekts stärkt unser Selbstbewusstsein. So viele fremde Sprachen dringen täglich an unser Ohr; da darf unser bayrischer Dialekt - auch in der Schule - nicht zu kurz kommen. Bis auf wenige Ausnahmen helfen uns dabei die Medien nicht viel weiter. Es ist Aufgabe der Großen, das von ihren Eltern Erlernte wiederum an die Kinder weiterzugeben, damit unser wunderbarer bayrischer Wortschatz am Leben erhalten bleibt und nicht eines Tages verloren geht. Es genügt nicht, wenn wir beispielsweise unser Bayrisch auf die “Heilige Nacht” von Ludwig Thoma und einige andere Mundart Stückl beschränken und ansonsten das ganz Jahr über “preußeln”.

Bleiben wir doch dabei , so zu reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist, auch auf die Gefahr hin, dass wir von den anderen nicht immer gleich aufs erste Mal verstanden werden.

Hans Lehrer