300 Jahre “Kochelseewunder”

Gebirgsschützen und Trachtler kamen heuer in Benediktbeuern zusammen, um einem Ereignis zu gedenken, das unter dem Namen “Kochelseewunder” vor 300 Jahren in die Geschichte des Spanischen Erbfolgekrieges einging. Damals hatten die Benediktiner-Mönche und die ihnen anvertrauten gläubigen Christen, die sich aus ihrer Kriegsnot und der Angst vor einer Plünderung heraus an die hl. Anastasia wandten, ihre Errettung als Wunder empfunden. Wenn es auch nie eine kirchlich-autoritative Anerkennung für dieses Wunder gab, gilt dennoch der Spruch: “Wenn es auch schon nicht ein Wunder war, so war’s zumindest wunderbar”. Was war geschehen?

Nachdem im Sommer 1703 der bayerische Kurfürst ganz Nordtirol, bis über den Brenner erobert hatte, versuchten nun die Tiroler, sich in bayerischen Landen schadlos zu halten. So verlangten sie auch vom Benediktbeurer Abt Eiland Öttl einen Tribut, versehen mit der Drohung, ansonsten das Kloster zu erobern und niederzubrennen. Doch dieser weigerte sich, da er sich unschuldig an der Politik Max Emanuels wusste und nicht nur auf Gott vertraute, sondern auch auf die Stärke seiner Schützen aus dem ganzen Klosterland, die ihre Heimat bisher erfolgreich verteidigt hatten. Man wähnte sich schon außer Gefahr, als ein besonders harter Kriegswinter hereinbrach und eine unerwartete Wendung mit sich brachte. Der 6 qkm große und bis zu 66 m tiefe Kochelsee, die Loisach und die umliegenden Moorgebiete waren aufgrund der enormen Kälte so fest gefroren, dass sich für das in der Grenzfestung Scharnitz lagernde Österreichische Militär und für die Tiroler Schützen plötzlich eine neue Chance ergab, das Kloster zu überfallen. Durch Flüchtlinge erfuhr der Abt vom herannahenden Unheil, und ihm und seinen Mönchen blieb letztlich nur noch das Beten.

Da am nächsten Tag, am 29. Januar, der Festtag der hl. Anastasia war, vertraute man sich in der Not ihrer Fürbitte an. Als gesichert kann gelten, dass es sich bei dieser Heiligen um eine frühchristliche Martyrerin handelt, die unter Diokletain um 304 verbrannt worden war. Im Mittelalter war Anastasia eine der am meisten verehrten Heiligen, deren Reliquien im Jahre 1053 , insbesondere die Kopfschale, von Verona aus auf etwas abenteuerliche Weise nach Benediktbeuern gelangten. Kleine und große Leute wandten sich seither in Wallfahrten an die hl. Anastasia, die insbesondere zuständig war für alle Arten von Kopf- und Nervenleiden.

Noch am gleichen Nachmittag setzte ein so starker Föhnwind ein, dass das knochenhart gefrorene Moor und Eis innerhalb von drei Stunden weich wurden. Der Angriff wurde abgeblasen, die gesamte Attacke der Gegner wäre sonst buchstäblich ins Wasser gefallen und im Moor stecken geblieben. Ja, im Grunde hatte der plötzlich aufgetretene Föhnwind die österreichen Gegner in die Flucht geschlagen, denn mit dieser Kämpferin auf Seiten Benediktbeuerns hatten sie nicht gerechnet. Statt feindlicher Eroberung und Plünderung blieb das ehemalige Klosterland verschont, die hl. Anastasia aber galt infolgedessen als die eigentliche Siegerin und wurde postwendend Patronin für das gesamte Klosterland.

Helmut Zenz