Mein Schutzengel

Die Heimfahrt vom Gredinger Trachtenmarkt verzögert sich. Hier noch ein paar Schoppen vom besten Frankenweine, da noch eine Gulaschsuppe, dazu noch Gespräche in einer fröhlichen Runde lassen vergessen wie spät es schon ist, und Mitternacht ist längst vorbei, als ich endlich mit dem Auto das Stadttor von Greding in Richtung München passiere. Ich kämpfe gegen die Müdigkeit an, versuche die Augen offen zu halten und mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Als ich am Autobahndreieck Holledau ankomme, bemerke ich vor mir ein Auto, das mich mit der Kelle herauswinkt. Ich folge dem Fahrzeug, trete aber auf das Gaspedal, als es mich in eine Ausfahrt lenken will. “Die sind wir los”, denke ich und fahre unbekümmert weiter. Ich komme aber nicht weit und sehe plötzlich hinter mir ein Blaulicht.

“Führerschein ade” denke ich und halte dieses Mal am Rande der Fahrbahn an. Zwei Herren in Zivil steigen vor mir aus und kommen auf mich zu. Nichts gutes ahnend drehe ich die Scheibe herunter und stelle mich einer plötzlichen Eingebung folgend, als Fahrer des neben mir sitzenden Ehrenvorsitzenden des Bayerischen Trachtenverbandes vor. Ihre Frage, warum ich nicht sofort angehalten habe beantworte ich scheinheilig mit der Begründung, dass ich während meiner gesamten Zeit als Fahrer noch nie in eine solche Situation gekommen wäre, was auch irgendwie stimmt. Als die Herren Polizisten mit der Führer- und Fahrzeugscheinkontrolle fertig sind, werde ich von ihnen gefragt, woher wir kämen und ob ich etwas getrunken hätte. “Nur jetzt keinen Fehler machen”, denke ich und sage leise, aber doch mit etwas Nachdruck ungeniert “nein”. Mich dünkt es fast wie ein Wunder, als plötzlich die wichtigen Worte fallen: “Fahren Sie weiter - aber vorsichtig bitte!” und ein großer Stein fällt mir vom Herzen. “Was wäre gewesen, wenn ... ? denke ich schaudernd und fühle mich auf den Schreck hin plötzlich hellwach und stocknüchtern, setze glücklich und zufrieden die Heimreise fort und danke meinem Schutzengel. Mit mir aber freut sich auch der Ehrenvorsitzende des Bayerischen Trachtenverbandes, dass er nicht zu Fuß heimlaufen muss.

Hans Lehrer