Ich bin Wind und du bist Feuer

Wenn sie am Tage des Todes
tief in die Erde mich senken,
Dass mein Herz dann noch auf Erden
weile, darfst du nicht denken! ...
Siehst meine Bahre du ziehen,
lass das Wort “Trennung” nicht hören,
Weil mir dann ewig ersehntes
Treffen und Finden gehören!
Klage nicht “Abschied, ach Abschied!”
wenn man ins Grab mich geleitet:
Ist mir doch selige Ankunft
hinter dem Vorhang bereitet! ...

Ich schrieb wohl hundert Briefe, ich zeigte hundert Wege -
Du kennst wohl nicht die Wege, du liest wohl keine Briefe!

Was würde ich nicht tun, um den Freund zurückzurufen?

Der Liebende webt Atlas reich aus seinem Blute, und Brokat,
Dass unter des Geliebten Fuß er Atlas breite und Brokat!

Nicht nur die Durst’gen suchen Wasser -
Das Wasser sucht die Durstigen!

Diese Erde ist kein Staub, sie ist ein Gefäß voll von Blut

Gestern im Traum einen Mond sah ich klar,
Meerartig, silbern, und ganz wunderbar.
Heute nun gehe von Tür ich zu Tür,
ob eine Kunde vom Freund da wohl war.

Er sah Schams-i Täbriz nicht in Damaskus,
Er sah ihn in sich selbst, klar wie den Mond.
Er sprach: Bin ich auch körperlich fern von ihm,
Ohne Körper und Seele sind wir beide ein Licht
Sieh sowohl ihn als auch mich:
Ich bin er und er ist ich, o Suchender!

Mein Herz ist der Muschel gleich,
Die Perle: des Freundes Bild.
Ich passe nicht mehr in mich -
Er füllt ganz das Herz mir aus.

Hör auf der Flöte Lied, wie es erzählt
und wie es klagt, vom Trennungsschmerz gequält:
“Seit man mich aus der Heimat Röhricht schnitt,
weint alle Welt bei meinen Klagen mit ...

(Rumi selbst ist die Flöte, die sich nach dem Atem, der Lippen des Geliebten sehnt,
um zu sagen, was er sagen möchte - hat nicht Gott im Koran verkündet:
"Wir hauchten ihm (Adam) unseren Atem ein? (Sura 15/29) und damit den Menschen
gewissermaßen zu seiner Flöte gemacht.)

Komm in unser Haus, Geliebter, kurze Zeit!
Und belebe unsre Seele kurze Zeit! ...
Dass der Himmel sehen möge mitternachts
eine klare Sonne strahlen, kurze Zeit,
Dass von Konya aus erstrahle Liebes-Licht
Bis Samarkand und Buchara kurze Zeit ... !

Voll Mangel ist das Wort, das wir hier sprechen;
Vom Jenseits stammt das Wort, das ohne Schwächen.

Der Frühling kam, der Frühling kam, der Frühling voller Düfte kam,
der Liebste kam, der Liebste kam, der Liebste voller Gnaden kam ...

Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden,
deshalb erschuf ich die Welt ...

Die irdische Welt kann somit als Spiegel angesehen werden,
der die göttliche Schönheit, wenn auch schwach und verzerrt reflektiert.

Sind nicht die Blütenbäume im Frühling ein Beispiel für dieses Wunder der Schöpfung?
Gleich der Jungfrau Maria vom Odem Gottes berührt, bringen sie Blüte und Frucht.
Wunderbar die Bäume: jungfräulich und schwanger
wie Maria, die nicht Freund noch Gatten hatte!

Der Glaube ist gebaut auf fünf der Pfeiler zwar,
der stärkste Pfeiler ist, bei Gott! Das Fasten doch.

Töte die fette Kuh deiner Gier durch Fasten
Dass du den Segen des schlanken Festmondes gewinnst!

Komm zurück, komm zurück, auch wenn du die Reue hundertmal gebrochen hast...

Durch Liebe ward das Bittre süß und hold,
Durch Liebe ward das Kupfer reines Gold,
Durch Liebe ward die Hefe rein und klar,
Die Liebe bot der Krankheit Heilung dar,
Durch Liebe wird belebet, wer entschlafen,
Durch Liebe werden Könige zu Sklaven ...

Die Liebe macht das tote Brot zur Seele,
Macht ewig die vergängliche, die Seele.

Ich reiste und besuchte alle Städte,
Hab niemand doch mit deiner Huld gesehen.
Entfernt vom Garten deines Angesichtes
Pflückt’ Frucht ich nicht, konnt’ keine Rose sehen.
Da ich durch Elend fern von dir geraten,
Ließ ich von hundert Elenden mich schmähen.
Was sag ich? Tot war ohne dich gewiss ich -
Gott ließ von neuem wieder mich erstehen.

All dies kommt von der Zauberkraft des Geliebten:

Du kommst in die Augen der Blinden,
Und du gibst ihm den Blick,
Du kommst in den Mund des Stummen
Und wirst zur Zunge ihm.
Du kommst in den häßlichen Dämon
Und machst zu Joseph ihn
Du kommst in das Wesen des Wolfes
Und wirst zum Hirten dort ...

Mit dir bin ich am liebsten nackt,
Werf’ ab des Leibes Kleid
Dass deiner Gnade Schoß zum Rock
Für meine Seele wird.

Leid um ihn macht mich alt,
Kummer und Jahre ohn’ Glück -
Doch wenn du Schamseddin nennst,
Kehrt meine Jugend zurück.

Es klopfte einer an des Freundes Tor
“Wer bist du, sprach der Freund, der steht davor?”
Er sagte: “Ich!” Sprach der: “So heb dich fort -
An diesem Tisch ist nicht der Rohen Ort!”
Den Rohen kocht des Feuer “Trennungsleid” -
Das ist’s, was ihn von Heuchelei befreit!
Der Arme ging auf Reisen für ein Jahr,
In Trennungsfunken brannt’ er ganz und gar.
Reif kam dann der Verbrannte von der Reise,
Dass wieder er des Freundes Haus umkreise:
Er klopft’ ans Tor mit hunderterlei Acht,
Dass ihm entschlüpf’ kein Wörtlein unbedacht.
Es rief der Freund: “Wer steht dort vor dem Tor?”
Er sagte: “Du, Geliebter, stehst davor!”
“Nun, da du ich bist, komm, o Ich, herein -
Zwei Ich schließt dieses enge Haus nicht ein!”

Am 17. Dezember 1273 entschlief Mewlana,
Dschelaleddin, um mit der ewigen Sonne vereint zu werden;

Annemarie Schimmel
Rumi
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