Tracht tragen

Persönliches zum
"Warum, wann und wie"

(Einladung zum Symposium am 4. und 5. September 2003
anläßlich des 10. Gredinger Trachtenmarktes)

Ich weiß die Ehre wohl zu schätzen, auf einem Symposium mit dem Titel "Trachten im Kreuzfeuer" meine Gedanken, Erlebnissen und Beweggründe kund zu tun, die mich erst im Alter dazu gebracht haben, ein zünftiger Trachtler zu werden. Dabei gehen meine ersten Eindrücke von Trachten bis weit in meine Kindheit zurück.

Mit sieben Jahren durfte ich meine Tante auf die Leonhardifahrt nach Bad Tölz begleiten, wo ich von den Trachten der Frauen, die auf den schön geschmückten und bunt bemalten Truhenwagen saßen und an mir vorbeifuhren, begeistert war. “Schöne Frauen”, nannte ich sie damals und behielt sie in meiner Erinnerung. Daheim hingen altvertraute Fotos an der Wand von meinen Tanten, die sich als junge Frauen in der Tracht fotografieren ließen, obwohl sie gar keine Trachtlerinnen waren und trotzdem darin schmuck aussahen. Die Not nach dem Krieg, als man die Kleidung nur auf Bezugscheine bekam, bescherte mir eine abgewetzte, alte, gebrauchte kurze Lederhose, wie sie eigentlich zu jeder Gebirgstracht gehört, die Mutter gegen eine Anzahl von Eiern eingetauscht hatte. Am Anfang war sie mir noch viel zu groß, aber das machte bei einer Lederhose gar nichts aus, und Mutter versicherte mir, dass ich hineinwachsen würde. Ich trug die Hose das ganze Jahr über ohne kurze Unterhosen im Sommer, dafür aber mit langen Strümpfen im Winter. Mutter strickte mir für den Schulanfang eine glatte Trachtenweste aus selbstgesponnener Schafwolle mit rechten Maschen, nähte Knöpfe aus Hirschhorn an, und meine Schwester schneiderte mir einen abgesteppten blaugemusterten Janker mit verzierten Metallknöpfen, die sie von ihrem alten Dirndlgewand abgetrennt hatte. Fertig war der junge Trachtler! - und ich muss sagen, dass ich mich in meinem Gewand, besonders in der Lederhose, sehr wohl gefühlt habe. Warum trug ich als Kind eine zusammengeschusterte Tracht? Erst einmal aus der Not heraus, weil man mit dem zufrieden sein musste, was man bekam. Praktische Überlegungen spielten ebenfalls eine Rolle, weil das Gewand etwas aushielt und bequem war. Und schließlich wollte man aus mir auch einen feschen Buben machen. Einmal im Jahr unternahmen wir einen Familienausflug ins Gebirge, wo ich in meiner Lederhose und barfuß auf den Bergen und Bäumen herumkraxelte. Sie bekam keine Risse und hatte in der Schule sogar noch den Vorteil, die Schläge auf den Hintern etwas abzumildern. Irgendwann einmal geriet die Lederhose in Vergessenheit. Die bayerische Heimat wurde mir zu eng, und ich entdeckte meine Liebe zum Orient. Interessierte mich für die dort lebenden Menschen und studierte den Islam mit all seinen Geboten und Verboten, Traditionen und Gepflogenheiten. Wurde selbst zum Moslem, pilgerte im heiligen Pilgergewand nach Mekka und eiferte der Lebensweise, wie sie vom Propheten überliefert war, zumindest eine Zeit lang nach. Die Tracht der Araber bestand aus einem langen weiten Nachthemd, das bis auf den Boden reichte und für die dortigen geographischen und klimatischen Verhältnisse, besonders aber in der sommerlichen Hitze, recht luftig war. Als Kopfbedeckung diente ein weißes Tuch, um sich ebenfalls vor Sonne, Wind und Sandstürmen zu schützen. Die Türken hingegen zogen gerne ihre Schalwar an, eine weite lange Hose aus grobem Stoff, in der sie beim Sitzen in der Moschee oder auf dem Divan bequem ihre Beine kreuzen konnten. Mit 53 Jahren schlug ich ein neues Kapitel in meinem Leben auf und entdeckte die späte Liebe zu meiner bayerischen Heimat, ohne die Tür zur islamischen Welt je wieder zuzuschlagen. Wieder war es eine Tracht, ein Gewand, das mich interessierte - die bayerische Gebirgstracht. Genauso wie früher im Islam wollte ich über Tracht und Brauchtum möglichst viel in Erfahrung bringen und entschloss mich, einem Trachtenverein beizutreten. Als ich zum ersten Mal im Verein in der Tracht erschien, fiel man über mich her. Die Schuhbänder waren nicht aus Leder, die Westenknöpfe nicht aus Silber, die Lederhose nicht gelb bestickt und dazu noch die Armbanduhr am Handgelenk, die bei einer Tracht nichts verloren hat. Bald merkte ich, dass ich mich freiwillig in eine Uniform gezwängt hatte, ließ mich aber nicht beirren sondern versuchte, auch hier entgegenzusteuern und meinen eigenen Stil zu entwickeln, um nicht als geklonte Trachtenmaus mein Dasein fristen zu müssen. “Jetzt lass ma uns an Schnurrbart stehn! ... “, heißt es in einem Volkslied und folgte diesem Beispiel, um ein markantes Merkmal an mir zu schaffen, das mich von den anderen unterschied und aus der Menge heraushob. Wie soll man sich einen Trachtler aber auch merken, ihn unterscheiden oder charakterisieren können, wenn er genauso daherkommt, wie alle seine Vereinskollegen ... graue Joppe, grüne Weste, gleicher Hut und dieselben Schuhe und Strümpfe. Das kann es doch nicht gewesen sein! Und schmunzelnd muss ich zugeben, dass ich heute wohl nicht in dieser erlauchten Runde säße, wenn ich mich nur an die Trachtenbeschreibung gehalten hätte. Gerade in der Trachtenbewegung mit einheitlicher Kleiderordnung ist es wichtig, sich einen Freiraum zu erhalten - und sei es nur ein imposanter Schnurrbart oder ein Tatoo mit dem Bildnis König Ludwigs II. auf dem rechten Oberarm.

Im Jahr 2003 ist mein Verhältnis zur Tracht, genauer gesagt zum ganzen Drumherum, von zwiespältiger Natur. Einerseits nehme ich wohlwollend die Toleranz und Gutmütigkeit zur Kenntnis, mit der die meisten Trachtenfreunde einander händeschüttelnd sich begegnen, um mich andererseits durch die vielen Gebote und Verbote, die wir uns gegenseitig auferlegen und mit denen sich ein Trachtler auseinander zu setzen hat, oft sehr eingeengt zu fühlen. Die Angst, etwas verkehrt zu machen, trübt meinen Frohsinn und schränkt mich in meinem Drang nach persönlicher Freiheit ein. Tracht darf nicht zum Dogma werden und die Idee unserer Bewegung nicht im Bürokratismus ersticken. Wir leben im 21. Jahrhundert und sind umgeben von einer multikulturellen und globalen Gesellschaft, mit der wir einfach fertig werden müssen. Das betrifft unsere Sprache genauso, wie den Umgang mit den Medien. Oft entfachen wir einen Sturm im Wasserglas, obwohl uns mehr Gelassenheit besser anstünde.

Tracht tragen bedeutet für mich dennoch ein Erlebnis, wie ich es auch heuer wieder auf dem Gaufest in Philadelphia genossen habe. Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich ein fröhlicher Mensch bin, der die Geselligkeit und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Trachtler, das bis nach Amerika reicht, zu schätzen weiß. Tracht tragen, bedeutet ein Bekenntnis abzulegen für meine Heimat, ohne jedoch fanatisch, besserwisserisch oder gar überheblich zu sein. Tracht tragen, bedeutet in unserer Gesellschaft Brücken zu schlagen zu anderen Kulturen, aufeinander zuzugehen, anderen Menschen, die bei uns inzwischen beheimatet sind, die Gelegenheit zum Kennen lernen zu geben. Tracht tragen bedeutet Mut aufzubringen und mit Klischees und Vorurteilen aufzuräumen, besonders in einer Großstadt wie München. Sitt’ und Tracht der Alten will auch ich erhalten. Aber es soll zuweilen ein frischer Wind in den Trachtenstuben wehen. Das Althergebrachte muss sich auch am Neuen orientieren dürfen ohne dass dabei gleich fundamentale Werte verloren gehen. Vielmehr sind es gerade diese beiden Impulse, die unsere Trachtensache auch in der Zukunft lebendig erhalten und ihr eine Daseinsberechtigung geben.

Tracht ist für mich eine Herzensangelegenheit und erst in zweiter Linie ein Gewand.

Hans Lehrer