Auch das geschah vor
sechzig Jahren ...

Seit meiner Kindheit bewegt mich ein erschütterndes Ereignis, das sich vor genau sechzig Jahren in Trudering zugetragen hat. Als Anfang der fünfziger Jahre Zeitungen und Illustrierte davon berichteten, Aussagen von Augenzeugen veröffentlichten und das Verbrechen von damals neu aufrollten, empfand ich einen Schauder, und mein kindlicher Gerechtigkeitssinn lehnte sich gegen diese Mordtat auf, in die auch jemand aus unserer Nachbarschaft als “Randfigur” verwickelt war, der sich dabei wohl einen Judaslohn verdient hatte.
Kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner wurden vier unbescholtene Männer und Familienväter von gewissenlosen Männern, die man heute als “Wendehälse” bezeichnen würde, bei den Amerikanern als vermeintliche Wehrwölfe denunziert. Erhofften sie sich dadurch Vorteile, war es ein Racheakt oder wollten sie von ihrer eigenen "braunen" Vergangenheit ablenken? Ich weiß es bis heute nicht. Amerikanische Soldaten holten damals die vier völlig überraschten Männer aus ihren kleinen Siedlungshäusern, luden sie auf einen Lastwagen und fuhren mit ihnen in den Wald. Am Trachtlerweg in Waldtrudering wurden sie in den Wald gejagt, und ohne irgendeinen richterlichen Beschluss hinterrücks wie die Hasen abgeknallt. Auf dem alten Dorffriedhof in Haar hob man an der westlichen Friedhofsmauer anschließend ein Grab aus, in dem die Opfer von Verrat und Willkür ihre letzte Ruhestätte fanden. An den Inschriften auf dem Grabstein, in den auch kleine Bilder der Ermordeten eingelassen sind, nagte der Zahn der Zeit. Schaut man aber genauer hin, so kann man noch immer ihre Namen lesen:

Georg Böhm         1889 - 1945
Friedrich Nagel    1902 - 1945
Arnold Eichmann 1897 - 1945
Kaspar Wagner    1889 - 1945

Frauen wurden zu Witwen und Kinder zu Waisen. Doch dieses Verbrechen blieb bis heute ungesühnt.

Hans Lehrer