Ein Leserbrief ...

Sehr geehrter Herr Lehrer,

nachdem ich Sie auf dem Trachtenumzug dieses Jahr nicht sah und auf Ihrer Website als jüngster Eintrag ein Gedicht vorzufinden war, in dem es sich um Abschied dreht, machte ich mir schon meine Gedanken.

Gott sei Dank sah ich Sie dann bei der Wiederholung der Übertragung des BR in der Almrausch-Kutsche sitzen und gestern dann auch noch mal in “G´schichten um´s G´wand”. (wohl schon eine älterer Aufzeichnung)

Jedenfalls ein sehr angenehmer Dauergast im BR ;-))

Zu Ihrem Leserbrief unter “Schlagzeilen” auf Ihrer Website zu “Homosexuelle keine Priester” kann ich Ihrer gesunden Meinung nur beipflichten und möchte in diesem Zuge Dr. Valeria Hinck´s “Streitfall Liebe” zitieren um Sie wissen zu lassen, daß Sie nicht alleine mit Ihrer Ansicht dastehen.

Es mag konservativen Christen schwer fallen, Homosexualität als gleichgeordnete Schöpfungsvariante neben der Heterosexualität zu akzeptieren. Die biblischen Zeugnisse sagen das auch in diesem Ausmaß nicht aus. Dennoch schließen sie meines Erachtens als Mindestes ein Tolerieren der Existenz homosexuell veranlagter Menschen, und das Zugeständnis an sie ein, ihrer Identität entsprechend ein vollwertiges Leben zu führen. In immer neu wiederholten Variationen bezeugt die Bibel den Schöpfer als einen Gott, dessen “Erbarmen über allen seinen Werken waltet” (Ps 145,9). Selbstverständlich waltet dieses Erbarmen auch über allen Wesen, deren Ursprung nicht in der “primären Schöpfung” abgeschossen war, sondern die im Lauf der Weltgeschichte entstanden sind. Das Geschöpf kann dafür, daß es anders ist als die Ur-Schöpfung, ja unmöglich verantwortlich gemacht werden.

Außerdem kann die Lebenssituation eines Homosexuellen, insbesondere in einem christlichen Umfeld, durchaus in sich selbst eine “neurotisierende” Wirkung haben. Kaum ein konservativer heterosexueller Christ kann oder will sich überhaupt ausmalen, was für ein Martyrium es für einen Menschen sein kann, wenn sein innerstes Identitätsempfinden von der geistlichen, als Autorität akzeptierten Umgebung permanent als widergöttlich und abnorm bezeichnet wird; wenn Entwicklungsschritte eingefordert werden, die für den Betreffenden trotz aller Bemühungen nicht erreichbar sind; wenn ein Mensch ständig in der Furcht lebt, dem Gott, den er verehren möchte, ein Gräuel zu sein; wenn die Angst vor der Ausgrenzung zum Geheimhalten eines ganz wesentlichen Teils der eigenen Persönlichkeit führt.
Paulus wußte, in welche Bedrängnis das menschliche Gewissen durch geistliche Maximen geraten kann, die gar nicht unbedingt von Gott kommen müssen. Er kannte die Zerreißproben für das geistliche Leben, die aus solchen Konflikten entstehen können (vgl. Röm. 14,13-23). Und Jakobus beschreibt recht plastisch, wie es in einem “Mann mit zwei Seelen” ergeht (Jak 1,6-8) - eine Situation, in die ein Homosexueller, in diesem Fall jedoch gerade nicht aus Willen oder mangelndem Glauben, nahezu zwangsläufig gerät!

Und wie soll ein Homosexueller sich selbst eigentlich betrachten? Soll er wirklich als Lebenslast den Glauben herumtragen müssen, sein Schöpfer habe ihn zwar gut und richtig gemacht, wenige Jahre Kindheit, in denen überhaupt nichts besonderes vorgefallen sein muß, hätten aber ausgereicht, ihn zu einem von Grund auf verkehrten Wesen zu machen, das, wenn es lebt, wie es ist, nur Gottes Zorn auf sich laden kann?
Sollte Gott wirklich Homosexuelle (übrigens auch promiskuitiv lebende) verabscheuen, weil sie homosexuell sind oder weil ihr Tun homosexuell ist? Ist seine Liebe zum Geschöpf und die Wertschätzung seines Lebens von der sexuellen Orientierung abhängig? Mag das, was ihm angeblich “zuwider ist”, nicht eher etwas damit zu tun haben, was seinem Wesen der Liebe “zuwider läuft”? Nicht dadurch, daß der Mensch homosexuell oder heterosexuell ist. sondern dort, wo er andere Menschen benutzt und ausnutzt und zum Objekt macht, versäumt er in seinem Handeln die gewollte Ebenbildlichkeit zum Schöpfer. Und sogar noch in diesem wesenhaft “nicht-göttlichen” Handeln legt übrigens die berühmte Formulierung des Paulus “Sie ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten” (Röm 3,233) nahe, daß Gott die Würde in jedem seiner Geschöpfe stets vor Augen behält. Von daher müssen sich Christen fragen, ob sie mit beliebten Formulierungen wie “biblisches Unwerturteil” über die Homosexualität ihrer Mitgeschöpfe nicht selbst eine Haltung erkennen lassen, die dem Wesen Gottes “zuwider” ist.

Viele Christen lernen gläubige Homosexuelle zunächst einmal als Mitchristen kennen, ohne um ihre sexuelle Orientierung zu wissen. Ihr Glaubensleben, ihre Gaben, ihre Liebe zu Christus werden wahr- und ernstgenommen und selbstverständlich akzeptiert – bis zu dem Moment, an dem ihre Homosexualität bekannt wird. Ab diesem Zeitpunkt zieht man alles, was sie sagen oder tun, in Zweifel; häufig verlieren sie ihre geistlichen Ämter, die sie bisher womöglich gut und fruchtbar ausgeübt haben. Selten hingegen zieht jemand die – logisch genauso mögliche – Konsequenz eines George Hopper: wenn mir das, was ich an diesem Menschen wahrgenommen habe, Christus-gewirkt erschienen ist, war es vielleicht auch Christus-gewirkt, dann kann das Leben dieses Menschen Gott kein Gräuel sein, wie ich es nach meinem bisherigen Bibelverständnis gedacht habe.

Die Angst, die Anerkennung des außergewöhnlichen könne das Eigentliche gefährden, die Gewährung von Ausnahmen müsse alle Regeln aufweichen, ist nicht unbedingt biblisch! Am Handeln Jesu läßt sich immer wieder erkennen, daß er im Zweifel für den Einzelnen entschied und in jedem Fall das Herz des Menschen beurteilte und nicht das, was vor Augen zu liegen scheint.

Damit klingt etwas an, was ein homosexueller Christ zutiefst ersehnt. Es ist allgemein bekannt, welches seelische Trauma es für ein Kind bedeutet, in seiner Familie ständig das Gefühl vermittelt zu bekommen, ungewollt zu sein. Etwas Dementsprechendes wird vielen Homosexuellen durch ihre Umwelt mit ihren Witzen und verurteilenden Aussagen von Jugend auf signalisiert und leider kommt von christlicher Seite häufig die heftigste Ablehnung, Verachtung und Verleumdung. Die Hoffnung eines homosexuellen Christen wird immer auf ein vor und von Gott gänzlich bejahtes Dasein zielen, denn mit weniger kann ein gläubiger Mensch gar nicht leben.

Der Ausruf Jesu “wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer” (Mt 12,7) stellt auch an uns die Frage, ob wir wirklich glauben, Gott wolle lieber Menschen brechen lassen als Gebote.

Die Erfahrung von Leid betrifft selbstverständlich nicht nur Homosexuelle. Jeder Mensch, der sich durch seine Lebensumstände zutiefst infrage gestellt sieht, muß dieses Erleben verarbeiten und kann positiv oder negativ verändert daraus hervorgehen. Viele Menschen, die Leid erfahren haben, bezeugen, daß erst dies ihrem Charakter und Glauben echte Tiefe gegeben hat. Es hat sicher wenig Sinn zu diskutieren, wessen Leid größer, echter, berechtigter ist. Tatsache bleibt, daß das Leid Homosexueller häufig das großer Einsamkeit, Zerrissenheit und Anfeindung durch die ist, deren Gemeinschaft man eigentlich sucht und entbehrt. Es ist ein Leid oft schreienden Unrechts und erschreckender Lieblosigkeit, das viel zu oft ausgerechnet von denen ausgeht, die glauben, in göttlicher Autorität, im Namen der Gerechtigkeit und im Geist dessen, der die Liebe ist, zu handeln.

Es liegt in der Verantwortung derer, die solches Leid zufügen, wenn ein Betroffener darunter zusammenbricht. Vergessen wir nicht, daß ein Großteil der Aussagen Jesu Partei für die nimmt, die von anderen bedrückt und ausgegrenzt und von Gott fern gehalten werden.

Mit schönen Grüßen und alles Gute,

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