"O Heiliger Sebastian ...
Krieg Hunger und Pest wende hindan"

Der hl. Sebastian, dessen Name zugleich mit dem des hl. Fabian am 20. Januar im Kalender steht, ist ein römischer Märtyrer, der anfangs des 4. Jh. gelebt hat und nach der stark legendären Überlieferung als Offizier in der kaiserlichen Leibgarde stand. Er beschützte und verteidigte während der Diokletianischen Verfolgung die Christen, wurde auf Befehl des Kaisers durch Bogenschützen mit Pfeilen durchschossen, jedoch wunderbarerweise vor dem Tode bewahrt, dann aber durch Keulenschläge getötet. Die Leiche habe man in die Cloaca maxima geworfen. Sein Leib ruht zu Rom, in der Kirche, die seinen Namen trägt. Das in Oberbayern gelegene Ebersberg aber rühmt sich, die Hirnschale des Heiligen zu besitzen, die in Wirklichkeit aus drei in Silber gefassten Stücken besteht.

Die innige Verehrung des Heiligen, die sich schon früh auch in der bildenden Kunst geäußert hat, gründet sich auf sein Attribut, den Pfeil. Dieser galt bereits in der antiken Überlieferung als Symbol einer plötzlich anschwirrenden, den Menschen anfliegenden Krankheit, besonders der Pest. Deshalb wurde der vor der Tötung mit Pfeilgeschossen bewahrte St. Sebastian bereits im frühen Mittelalter zum Patron gegen die “Pfeile Gottes”, die Pest, angerufen. Man baute allenthalben ihm zu Ehren Kirchen, Kapellen, Altäre, Hospitäler und ehrte ihn an seinem Namenstag durch feierliche Prozessionen. Sein Bild wurde auf Pestfahnen und Pestsäulen angebracht, und man empfahl den Pilgern “wegen der seuche und pestillenz” den hl. Sebastian zu verehren. Den an Geschwüren, Beulen und pestartigen Krankheiten leidenden Menschen hängte man das Bild des Heiligen um den Hals. Auch wurden an seinem Fest kleine Pfeile aus Metall geweiht, mit denen man zum Schutz vor diesen Leiden die Stirne berührte, oder sie an Rosenkränzen befestigte. Vergoldet, versilbert und zinnern wurden diese Pfeile 1630 in München von Jesuiten verkauft. Man berührte damit, wie es scheint, auch Getränke, wie z.B. Wein, bevor man sie zu sich nahm, um sich weiterhin gegen Pest zu sichern. Nach dem Jesuiten Widl (1688) soll der Trunk des geweihten Weines in Ebersberg aus der angeblichen Hirnschale des Heiligen, die mit geweihten Sebastianspfeilen berührt wurde, die Heilung von Pest, hitzigem Fieber, roter Ruhr, Ausdörrung der Glieder, Wahnsinn, Aussatz, Stummheit, Kindsnöten, Geschwüren, Fraisen, Schlaganfällen bewirkt und sogar verlorene Sachen wiederbeschafft haben. Früher mussten alljährlich zwei Maß Wein, die man in die Hirnschale des Heiligen gegossen hatte und solchermaßen geweiht worden waren, in die Residenz nach München für die Herzöge und Kurfürsten gebracht werden, um auf diese Weise von der Pest verschont zu bleiben, freilich auch, um in anderen leiblichen und geistigen Nöten Heil und Segen zu erlangen.

Der Heilige entwickelte sich auch zum Viehpatron und wurde von Bauern und Viehhaltern zur Verhütung von Viehseuchen angerufen. Beim Ausbruch dieser Krankheiten mischte man unter das für das Vieh bestimmte Getränk gesegnetes Wasser, das durch die Hirnschale in Ebersberg geflossen war, in dem Glauben, auf diese Weise das Vieh vor dem Verderben bewahren zu können. Weil der Heilige dem Soldatenstand angehört hatte, wurde er auch zum Schutzheiligen der Soldaten, insbesondere aber der Schützen. Bei einem Kriege rief man außer den Hl. Georg auch Sebastian an.

Durch zahlreiche, zu Ehren des Heiligen gegründete Bruderschaften, wurde seine Verehrung noch weiter gefördert. Diese entstanden während des späten Mittelalters, als die Pest aufs neue Europa heimsuchte, in Italien, in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich zur Pflege der Pestkranken und als Gebetsverbrüderungen zur Abwehr der Pest. Außer Messen und Andachten stifteten sie zahlreiche Votivbilder zu Ehren des Heiligen. Beispielhaft für ihre frömmigkeitsgeschichtliche und soziale Bedeutung ist die Sebastianibruderschaft in Berchtesgaden, die älteste dortige Holzhandwerkerzunft, gegründet 1535. Im Gebiet von Traunstein aber sagte man früher: "Zu Sebastiani wird der Bretzenbaum aufgestellt". Dieser Baum war ein reichverziertes, mit gekreuzten Pfeilen und dem Bild des hl. Sebastian geschmücktes Holzgestell, an dessen Sprossen Heller- und Pfennigbretzen hingen, die in Verbindung mit einem Markt verkauft wurden.

Weil das Volk glaubte, dass die Fürbitte des Heiligen sicher und unmittelbar vor der Pest bewahre oder von ihr befreie, wurde früher sein Name vielen Knaben bei der Taufe verliehen, so dass der Vorname Sebatian vielerorts stark verbreitet war, ganz besonders in Süddeutschland und wir deshalb allen Wast und Wastl recht herzlich zum Namenstag gratulieren wollen.

Hans Lehrer