Hl. Leonhard bitt’ für uns

Der hl. Leonhard lebte zur Zeit des Frankenkönigs Chlodwig I., wurde vom Bischof Remigius in Rheims getauft, gründete das Kloster Noblac bei Limoges und starb am 6. November 559 als Benediktinerabt. Er ist einer der 14 Nothelfer und wird in Deutschland jetzt viel mehr verehrt als in Frankreich, am meisten in Bayern und seiner Nachbarschaft, beinah als der “bayerische Herrgott”. Sein Gedächtnistag, der 6. November war früher der Hauptfesttag nach Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Einer Bäuerin, die am Leonhardstag backen wollte, blieben die Hände im Teig stecken.

Die Tätigkeit des Heiligen ist sehr ausgebreitet. In seinem Heimatland Frankreich galt er seit alters als Patron der Gefangenen, die er auf Anrufung befreit. Auch in seinen deutschen Kirchen, von denen es im 12. Jahrundert in Bayern bereits neunzig gab, findet man oft eiserne Ketten oder Nachbildungen in Holz oder Wachs, die ihm von befreiten Gefangenen als Dankgeschenk geweiht worden sind. Daneben ist der Schutz bei Entbindungen seine älteste Funktion, und man schrieb ihm auch die Erweckung totgeborener Kinder zum Leben zu, wofür zum Dank gewöhnlich das Kind in Wachs abgewogen wurde. Am Ostermontag sehen Mädchen zu, ob das Bild des hl. Leonhard ihnen zunickt und hoffen dann auf baldige Heirat. Der hl. Leonhard heilt ferner von Krankheiten und Gebrechen und ist Patron der Geisteskranken, deren Ketten, in die man sie gelegt hatte, ihm geweiht wurden.

Am meisten bekannt aber ist der hl. Leonhard als Viehpatron. Oft nagelt man sein Bild an Stalltüren. Tafeln aus Holz, die den Heiligen von Vieh umgeben zeigen, werden auf Almwegen an Baumstämmen angebracht. Die Hirten verehren den hl. Leonhard ganz besonders, weil ihm nach ihrem Glauben die Zähmung der Tiere verdankt wird. Daher kommt er auch oft in den Sprüchen vor, mit denen in den bayerischen Bauernhöfen die Hirten zu Martini die Birkenrute überreichen, mit der im nächsten Frühjahr zum ersten Mal die Herde wieder ausgetrieben werden soll. Zahllos sind die Votivgaben in Gestalt eiserner Tiere, die dem Heiligen in seinen Kirchen dargebracht werden. Verirrte Menschen und Tiere schafft er wieder herbei. Vor allem ist Leonhard auch Schutzpatron der Pferde. Häufig sind daher Hufeisenopfer für Heilung kranker oder verletzter Pferde und werden an die Kirchentüre angenagelt oder einfach hingemalt. Früher wurde Leonhard als Schützer der Reisenden hoch verehrt. An seinem Festtage umreiten oder umfahren an vielen Orten die Bauern die Kapellen und Kirchen des Heiligen, was oft mit der Einsegnung der Pferde verbunden ist.

Auch als Beschützer der Landwirtschaft genießt Leonhard hohe Verehrung. Er ist der große Eisenherr, und Eisengaben rufen fast immer seine Hilfe herbei: Hufeisen, Tierfiguren und immer wieder Ketten. Aus den Unmengen von Eisenopfern hat ein Inchenhofener Schmied einst den berühmten “Leonhardsnagel” gegossen, der 90 cm hoch, 20 cm dick und fast zweieinhalb Zentner schwer ist. In der Barockzeit wurde dieser Nagel betend um die Wallfahrtskirche herumgetragen. Aus den Ketten oder aus Hufeisen kranker und gefallener Pferde aber sollen die Ketten hergestellt sein, mit denen einige Leonhardskirchen umzogen sind. Sie sollen die Vereinigung des Gotteshauses mit dem darin wohnenden Heiligen darstellen. In St. Leonhard bei Brixen wird an der Kette, die um die Kirche läuft, jedes Jahr ein Glied hinzugefügt. Geht die Kette dreimal herum, so ist der jüngste Tag nicht mehr weit.

Bald schon nach dem Krieg, als in München noch alles in Trümmern lag, durfte ich mit meiner Tante Marie am Namenstag des hl. Leonhard mit dem Zug nach Bad Tölz fahren, um die wohl größte und berühmteste Leonhardifahrt zu erleben, allerdings mit einem schlechten Gewissen, weil ich an jenem Tag die Schule schwänzen musste.. Ich staunte nicht schlecht über die vielen Pferdegespanne und die schönen “Truhenwagen”, in denen die Mädchen und Frauen in ihrer Tracht Platz genommen hatten und suchte später verzweifelt nach meiner Tante, die ich im Gedränge verloren hatte. Meine größte Sorge war, dass der Radio mich als verloren melden würde und unser Lehrer davon Wind bekäme. Doch der hl. Leonhard hat geholfen und ließ mich nach langem Umherirren die Tante am Ende doch noch wieder finden.

Hans Lehrer