Judas

Judas Ischarioth ist nach der biblischen Überlieferung aus Geldgier zum Verräter Jesu geworden und als Treubrecher besonders gebrandmarkt. In den volkstümlichen Passionsspielen wurde er lange Zeit als Geldwucherer und Verräter gezeigt, der vom Teufel getrieben ist, eine für die dramatische Gestaltung dieser Volksschauspiele außerordentlich wichtige Figur, die sich auch als Sinnbild des von den Menschen als wucherisch eingeschätzten und deshalb gehassten Juden festsetzte und als solche auf die Entwicklung manchen Brauches wie das Judasverbrennen und auf die Verbreitung volkstümlicher Lieder eingewirkt haben mag, die voll von bitterem Hohne dem Hass gegen den Verräter Ausdruck verliehen.

Der Name Judas erweiterte allmählich seine Bedeutung und wurde zum Gattungsnamen. Denn im Volk nennt man einen verräterischen, heimtückischen Menschen nach ihm. Als Typus menschlicher Verworfenheit musste er schon äußerlich entsprechend gekennzeichnet sein. Er trägt vor allem rotes Haar und einen roten Bart. Der Tag, an dem er sich erhängte, soll der 30. April gewesen sein, der deshalb besonders zu den sogenannten verworfenen Tagen gerechnet wird. Die Legende oder Sage berichtet, der Verräter habe sich an einer Weide erhängt oder am Holunderbaum, und deswegen seien diese Bäume verflucht. Der Holunder verbreite dieser sündhaften Tat des Judas wegen einen unangenehmen, stinkenden Geruch und die Weide werde hohl und berste.

Eine außerordentlich weite Verbreitung gewann das Judasfeuer am Karsamstag, das freilich kaum etwas anderes ist als das Osterfeuer. Bei diesem Judasfeuer wurde Stroh und Reisig um einen Pfahl oder Kreuz so aufgeschichtet, dass vielfach die Gestalt einer menschlichen Figur mit ausgebreiteten Armen sich bildete. Diese erhielt den Namen Judas. Sonst wurde eine angekleidete Strohpuppe, die den Verräter Judas bedeuten sollte, in das Feuer geworfen. Der Name Judasfeuer blieb auch da, wo die Figur verschwand. Das Judasfeuer gehört wie das Osterfeuer überhaupt nach Ursprung und Bedeutung zu den Frühlingsfeuern, die agrarkultischen Zwecken dienten. So sollte damit der Hagelschlag abgewendet und die Fruchtbarkeit der Äcker gefördert werden. Auch die Kohlen dieses Feuers sind heil- und zauberkräftig. Man ist bestrebt, sie noch glimmend heimzubringen, um durch sie das "neue" ("heilige") Licht zu erhalten.

Wenn ich es mir genau überlege, ist der Judas eigentlich eine tragische Gestalt, ein unglücklicher Mensch; denn er musste dafür herhalten, dass die Heilige Schrift in Erfüllung ging. Er konnte sich sein Schicksal nicht aussuchen. Vielleicht hat ihn Jesus deshalb beim Gastmahl der Liebe, dem letzten Abendmahl, nicht ausgeschlossen, weil er ihm leid tat und weil er sogar seine Feinde liebte. Daran sollten wir uns alle ein Beispiel nehmen.

Hans Lehrer