Zwischen Schuhplatteln und Koran

Der Münchner Hans Lehrer ist seit 40 Jahren gläubiger Muslim
Scharfe Kritik an Mohammed-Karikaturen
--Von ddp-Korrespondentin Antje Pöhner--

München (ddp-bay). Der Münchner Hans Lehrer ist ein wahrer Vorzeigebayer. Gerne trägt er Lederhosen und Janker, mit seinen Trachtlerkollegen trifft er sich regelmäßig zum Schuhplatteln. Den aufgezwirbelten Bart hat er erst kürzlich etwas gestutzt. Doch der 63-Jährige ist nur auf den ersten Blick der bayerische Prototyp: Lehrer ist vor mehr als 40 Jahren zum Islam übergetreten und seitdem gläubiger Moslem. In der Moschee tauscht er seinen Trachtenhut mit der Gebetsmütze, daheim auf dem Wohnzimmertisch liegt der Koran. Mit großer Sorge verfolgt der urbayerische Moslem in diesen Wochen den eskalierenden Streit um die in europäischen Medien veröffentlichten Mohammed-Karikaturen.

Hans Lehrer, den seine türkischen Freunde gerne Hasan nennen, sieht sich als "lebende Brücke" zwischen den Kulturen des Abend- und des Morgenlandes. Bayerisches Brauchtum aktiv zu leben und gleichzeitig Moslem zu sein, sieht er zwar als große Herausforderung, nicht aber als Widerspruch. Geweckt wurde sein Interesse für den Islam, als er als junger Mann in den 60er Jahren in die Türkei reiste. Er habe sofort "ein innigeres Verhältnis zu Gott gespürt" und sei daher Moslem geworden, sagt er heute. Lehrer ist seit mehr als 30 Jahren mit der türkischen Muslima Rahime verheiratet. Die vier Kinder Selim, Selma, Harun und Meryem sind heute zwischen 28 und 31 Jahre alt und längst aus dem gemütlichen Häuschen im Münchner Stadtteil Trudering ausgezogen.

Lehrer hat es sich zum Ziel gesetzt, scheinbare Gegensätze zu verbinden und zu zeigen, dass sich verschiedene Kulturen wunderbar ergänzen können. Den durch die satirischen Abbildungen Mohammeds ausgelösten gewalttätigen "Kampf der Kulturen" nennt er "schockierend". Für den Münchner ist einerseits klar, dass die Karikaturen, die den Propheten betreffen, eindeutig zu weit gehen. "Da ist etwas, was anderen heilig ist, durch den Dreck gezogen worden", sagt er. Mit den Mohammed-Bildern habe man gegen Gefühle von Menschen verstoßen. "Das steht uns einfach nicht zu", meint Lehrer. Schließlich gehe in Rom ja auch keiner "im Bikini in die Peterskirche".

Der Mann aus Trudering verurteilt aber zugleich die gewalttätigen Ausschreitungen im Nahen Osten. "Da sind Massen aus politischen Gründen manipuliert und aufgehetzt worden", kritisiert er. Bewusst werde von einigen Machthabern zu Hass gegen den Westen angestiftet. Gewalt sei nicht zu rechtfertigen. Der Islam erlaube dies nicht.

Lehrer beschreibt den Islam von seinen Wurzeln her als sehr tolerante und friedliche Religion. Nicht Ge- und Verbote seien in der islamischen Mystik das wichtigste, sondern die Liebe zu Gott und damit die Liebe zu den Menschen. Der Islam werde aber in vielen Ländern missbraucht, "um irgendwelche Machtansprüche durchzusetzen". Für den einstigen Ministranten ist Religion eine Art Wegweiser, um Gott zu finden. "Der Ruf des Muezzin hat mich einfach mehr beeindruckt als die Kirchenglocken", erklärt Lehrer seine Begeisterung.

Er selbst hat mit seinem Leben zwischen zwei Kulturen keine Probleme. Vor etwa zehn Jahren entdeckte der Muslim, der knapp 30 Jahre lang bei der Stadt München als Türkisch-Dolmetscher arbeitete, auch seine Liebe zum bayerischen Brauchtum. Die Trachtler aus dem Trachtenverband schlucken zwar schon manchmal, wenn sich Lehrer in ihren Augen zu sehr für den Islam einsetzt. Aber Anfeindungen gebe es keine. "Ich provoziere halt gerne, um andere zum Nachdenken anzuregen", sagt Lehrer.

Alle 14 Tage trifft er sich mit seinen Trachtlerkollegen zur Plattlerprobe. Seine Frau Rahime habe mit Brauchtum dagegen nicht so viel am Hut, die Kinder auch nicht, erzählt er. Er aber genießt die regelmäßigen Trachtlertreffs: "Wenn man älter wird, besinnt man sich einfach auf seine Wurzeln". Das geht so weit, dass sich der muslimische Trachtler sogar ein Mal im Jahr zu einem äußerst christlichen Marsch aufmacht: Zur Fußwallfahrt der Trachtler nach Kloster Andechs.

ddp/anp/iha
xby017 13.02.06 11:38