Der Untersberg

Der Untersberg bei Salzburg an der bayrisch-österreichischen Grenze gehört in die Reihe der alten Totenberge. Möglicherweise verdankt er seinen Namen auch der Tatsache, dass er ein Berg der Unterwelt oder einfach nur ein “Wunderberg” ist.

Nationale Helden wie Karl d. Große oder Friedrich Barbarossa wurden in diesen Berg entrückt, und es knüpft sich an diese Kaiser die Sage, dass - ganz wie in der Kyffhäusersage - ihr Bart um den Tisch gewachsen sei und dass das Weltende kommt, wenn der Bart dreimal um den Tisch herumreicht. Barbarossa wird aus dem Berg hervorkommen, seinen Schild an einen uralten Birnbaum hängen, und dann wird die letzte Schlacht auf dem Walserfeld gegen den Antichrist geschlagen werden. Auch wird erzählt, dass Karl d. Große mit den Untersbergern an allgemeinen Gerichtstagen an der Haberernte teilnehmen soll. Ist das Gericht zu Ende, ziehen die Untersberger wieder in den Berg hinein.

Im Untersberg befinden sich zwei Brunnen aus Marmor, Wiesen mit blühenden Blumen, ein großer See vor einem Dom und ein großer Palast. Um diesen Kern rankt sich noch eine Menge anderer Sagen: Von Leuten, die in den Berg eingedrungen sind, von Riesen und Untersbergsmännlein, von ihrem Gottesdienst in den Kirchen der Umgebung, von wilden Frauen, von geisterhaftem Kegelspiel im Untersberg und vom Goldbrünnchen ist die Rede.

1529 soll ein Mann namens Lazarus Aizner von einem Mönch in den Berg geführt worden sein. Der zeigte ihm alle Sehenswürdigkeiten und die vielen Bewohner des Untersbergs, gab aber keine Auskunft, was diese alle im Berg machten. Auch ein Hirt soll in den Berg geführt worden sein, und er soll Kaiser Karl dort gesehen haben. Ein Brautzug wurde von einem Zwerg in den Berg eingeladen und dort bewirtet. Als die Gesellschaft wieder herauskam, erfuhr sie, dass sie 100 Jahre im Berge geblieben war. Ein Fuhrmann mit einem Wagen voll Wein wurde von einem Bergmännlein angehalten und aufgefordert, mit ihm in den Untersberg zu fahren. Hier wurde ihm sein Wein abgekauft und dazu noch überreichlich belohnt. Auch ein Bäcker soll Brot in den Untersberg verkauft haben. Ein Jäger blieb 4 Wochen trotz allen Suchens verschollen und wurde für tot gehalten. Als aber für ihn die Seelenmesse gelesen wurde, trat er herein und erzählte, er sei in den Untersberg entrückt worden. Eine Bäuerin aus Blasnig verschwand im Berg und blieb dort ein Menschenalter. Ein Bauer wurde von den Untersbergern als Kegelaufheber angeworben und blieb 7 Jahre weg. Ein Bergmännlein benachrichtigte seine Angehörigen, dass er im Berg sei und es ihm gut gehe.

Auch Riesen seien 1645 aus dem Untersberg gekommen und hätten den Menschen gute Ermahnungen gegeben. Die Untersbergsmännchen betätigen sich als hilfreiche Geister, führen die Menschen in den Berg hinein, zuweilen kommen sie selbst aus dem Berg heraus.

Ein Bauer verliebte sich in eine wilde Frau aus dem Berge und schlief bei ihr. Sie aber forderte ihn auf, zu seiner Frau zurückzukehren. 1735 kamen wilde Frauen zu Hütebuben und gaben ihnen Brot zu essen.

Gold konnte man auch am Untersberg erhalten oder finden, wenn man sich geschickt anstellte, manchem wird Gold geschenkt, ein anderer nur damit genarrt. Ein Salzburger Bürger sah an einer steinernen Wand eine eiserne Tür, davor einen Mönch, dieser schenkte ihm eine goldene Kette von 3 ¾ Pfund. Derselbe Mann sah auch von einer Steinklippe Goldsand herunterrieseln, er hielt einen Krug darunter und holte sich noch oft dort Gold. Einst traf ein Salzburger Müller eine wilde Frau und ein Bergmännlein, die mit einem Hammer Gold aus dem Gestein schlugen. Er bekam auch ein großes Stück davon. An einem Felsen sah ein Bauer Goldzacken hängen; als er heimging, seine Hacke zu holen, waren sie verschwunden. Bauern erhielten von den Berggeistern auf ihre Bitte um ein Geschenk einen Birkenbuschen. Alle bis auf einen warfen ihr Geschenk weg, der andere sah am nächsten Morgen, dass der Buschen zu Gold geworden war.

Bei meiner alljährlichen Bergtour auf den Untersberg bin ich leider nur bis zu den Eishöhlen vorgedrungen und hatte nicht das Glück der wilden Frau oder einem Bergmännlein zu begegnen, die mir alle Sehenswürdigkeiten und die Bewohner im Bergesinnern gezeigt hätten.

Hans Lehrer