Die Frau im Wandel der Zeiten

Seit alters her gibt es für die Frau zwei grundverschiedene Bewertungen, die einen Geschlechterzwist auslösten, der bis in unsere heutige Zeit hineinreicht.

Während bei den Germanen die Frauen als Mittler oder Träger der göttlichen Kraft hohes Ansehen genießen, hat die Frau, wenn es nach der Lehre der Kirchenväter geht, in der Gemeindeversammlung zu schweigen. “Stille hat sie zu sein.” Sie berufen sich auf den jüdischen Schöpfungsmythos, bei dem Adam den Verführungskünsten der Eva unterlegen ist und lassen sich leiten von der heidnischen Gedankenwelt, in der die Frau als minderwertiges, unreines und damit zum Dienst am Heiligen weniger taugliches Wesen gilt. Das 5. Jh. sprach sogar von einer “Besudelung der göttlichen Sakramente durch Frauenhände”.

Die Frau als “ursprünglich vollkommen gleichberechtigte” Gefährtin des Mannes, ist besonders geeignet zum Dienst am Heiligen, und bevorzugt begabt mit dem “sechsten Sinn”, der die unsichtbaren Kraftquellen des Lebens sich zu erschließen weiß und zu Weißsagung und Schicksalsverkündigung befähigt. Besonders begabt ist sie auch in der Heilkunst und dem Wetter. Dem Gesinde gebietend, über die Aufnahme von Gästen mit entscheidend, aber auch am Festgelage teilnehmend, findet sie als Hausfrau und Herrin im Haus auch im Rate der Männer Gehör und wird bisweilen zu politisch leitender Stellung erhoben: Das ist die altgermanische Frau, die neben- und nicht nacheinander mit dem Mann erschaffen wurde, in der Zeit vor dem Glaubenswechsel.

Als die Frauen in den Verdacht gerieten, besonders hartnäckig an verbotenem Heidentum festzuhalten und besonders empfänglich für alle Ketzerlehren zu sein, wurden sie in der großen Kulturumwälzung zur Evastochter umgestempelt. Die mittelalterliche Männlichkeit wälzte ritterlich ihre Sündenschuld auf das weibliche Geschlecht und benutzte den Sündenfall des Weibes als Hauptargument in dem angehenden Kampf um die Mannesherrschaft bis ins Ehebett hinein. Um der guten Engel willen, von denen man lebhaft bestritt, dass sie jemals in Frauengestalt erschienen seien, müssen die Frauen ihr Haupt bedecken, “ihr so Gefahr bringendes Antlitz verhüllen, das bis in den Himmel hinein Ärgernis gegeben hat” (Tertullian). Auf dieser Grundlage wurde die weibliche Persönlichkeit entmündigt und zum Besitzobjekt des Mannes. Zu der auch ihr verheißenen Seligkeit verhalf ihr nur Selbstaufgabe an den Mann oder unmittelbar an Gott. Als Mutter der Sünde dogmatisch gebrandmarkt, sank die Frau besonders unter dem Einfluss orientalischer Ethiker herab zum Menschen zweiter Ordnung, zum notwendigen Übel, zum bösen Prinzip. Andererseits versuchte man durch galante Frauenverehrung, ausgelöst durch die Reaktion germanischen Gewissens gegen die Entwürdigung der Frau, “das Strenge mit dem Zarten” zu einem “guten Klang” zu vereinen und wo Weltbejahung über Weltflucht triumphierte, vergaß man die “Mutter der Sünde” und freute sich, wenn man schönen Frauen dienen konnte. Schon ältere Dichter machten das “mönchische Schelten auf die Frauen” ausdrücklich nicht mit. Das Volk war froh, in der vergöttlichten Mutter Maria die durch Eva vernichtete Frauenehre wieder hergestellt zu sehen.

Aber trotz dieser für die Frauen positiven Reaktion, die dann viel später auch die moderne Frauenbewegung mitbestimmt hat, ist über Jahrhunderte hinweg die Geltung der Frau ständig gesunken, und es entstand die Meinung: “Frauen haben lange Haare und kurzen Verstand”. Platons Glauben an die ebenbürtige geistige Begabung der Geschlechter und an die Möglichkeit gleichwertiger körperlicher und geistiger Erziehung wurde von dem beschränkten deutschen Gretchenideal zur Utopie. Der Schleier der Poesie, mit dem der Minnesang die entmündigte Frau umhüllt hatte, zerriss bald. “Man soll seinem Weibe nichts Wichtiges anvertrauen, lehrt ein Kirchenvater. “Weibisch” wurde zum Schimpfwort. Von der Kirche wurde der geschlechtliche Ehe Verkehr, der oft als einziger Zweck der Ehe galt, auch nur als notwendiges Übel geduldet. Die Zähmung der widerspenstigen, herrschsüchtigen und listigen Frauennaturen wird das beliebte Thema zahlreicher Dichter von beschämender Rohheit. Männer, die zu Pantoffelhelden werden, stellt man bald den Märtyrern gleich und werden für ihre Nachgiebigkeit mit Höllenstrafen bedroht. Während die altgermanische Frau jeden Schlag als tödliche Beleidigung empfand, wird im Mittelalter das Prügeln als Mittel zur Frauenzähmung eine viel belachte Alltäglichkeit. Die Prügelung der Ehefrau und die Folterung der Hexe werden durch den gleichen Aberglauben sanktioniert. Der Glaube an die Zauberkraft von Frauen, die durch ihren Blick oder ihre Berührung oder allerhand Künste den Menschen und das Vieh krank machen und töten, und durch Unwetter die Felder verwüsten konnten, war allgemein wie kaum sonst ein Aberglaube.

Noch 1772 diskutierte man darüber, ob Frauen vollgültige Menschen sind, wonach die Schwatzhaftigkeit der Frauen, die “Klappersucht” ihrer gefürchteten Zunge, die einzige ihr verbliebene mit dem Schlangenbiss verglichene Waffe ist.

Jahrhunderte mussten vergehen, bis sich die Frauen die gleichen Rechte wie die Männer erkämpften. Aber leider gibt es noch immer Kulturen auf der Welt, die vom negativen und vorurteilsbelasteten Erscheinungsbild der Frau nicht ganz loskommen. Andererseits entsteht der Eindruck, als würden sich die emanzipierten Frauen für die jahrhunderte lange Unterdrückung rächen und es den Männern gründlich „heimzahlen“.

Hans Lehrer