Die Tracht

Unter Tracht versteht man neben der Berufs- und Amtstracht vor allem die Volkstracht, womit eine “räumlich begrenzte, innerhalb dieser Grenzen einheitliche, altmodische Kleidungsweise” gemeint ist. Es wäre aber ganz falsch, sie als eine veraltete Modetracht oder gar als “gesunkenes Kulturgut” hinzustellen. Zuweilen meint man mit dem Wort Tracht nicht nur die Kleidung sondern auch den Schmuck.

Die Volkstracht kann für ganze Völker, wie den Kirgisen und Turkmenen in Mittelasien durch ihre Kleidung und besonders durch die Kopfbedeckung charakteristisch sein oder sich nur auf einzelne Volksstämme oder die Bevölkerung einzelner Gaue, Landschaften oder Täler beschränken. Bei der Tracht ist die Arbeits- oder Werktagstracht von der Festtracht zu unterscheiden. In diesen Begriff sind ferner die Konfirmations-, Hochzeits- und die gewöhnlich schwarze Begräbnis- und Trauertracht einzuschließen. Unterschiedliche Trachten gibt es für ledige, verheiratete oder verwitwete Personen, wobei auch kirchliche Anschauungen mitwirken.

Die Tracht ist mit dem Wesen eines Volkes und mit seinem nationalen und religiösen Empfinden oft so eng verwachsen, dass man nicht selten in der Einführung einer ausländischen Tracht etwas Sündhaftes, ja Teuflisches sieht. Als im 17. Jh. Nikita Iwanowitsch Romanow, der Oheim des Zaren Michael, als erster Russe ausländische Kleidung zu tragen wagte, verbrannte der Patriarch eigenhändig das heidnische Gewand und zwang den Bojaren, sich durch Weihwasser reinigen zu lassen. Als Kemal Pascha nach dem ersten Weltkrieg des Tragen des Fez und Schleiers in der Türkei verbot, stieß er anfangs auf den hartnäckigen Widerstand der Bevölkerung. Auch das deutsche Volk sah seit je in dem Aufgeben der heimischen Tracht und Übernahme der städtischen Kleidung ein schlechtes Zeichen. In Prophezeiungen vom Weltuntergang heißt es z.B., dass er nahe ist, wenn die Bauern sich wie die Herrenleute kleiden, wenn sie hohe Hüte aufsetzen und die Dirnen Seidenkleider oder gar Männerhosen tragen, womit man allerdings vor allem die Hoffart und den sittlichen Niedergang betonen will. Zwischen der Tracht und Sittlichkeit besteht auch sonst ein wichtiger Zusammenhang.

Die einheitliche Tracht eines Volkes ist ein wertvolles Kulturgut. Sie stammt nicht in allen Fällen aus der früheren Mode der höheren Gesellschaftskreise, sondern ist, wie etwa die Volkstracht in vielen Alpentälern, alt und bodenständig. Freilich ist auch diese hie und da der Mode unterworfen. Die hohe nationale Bedeutung einer gemeinsamen Tracht hat man schon seit langem erkannt und wiederholt ist auf deutschem Boden der Versuch gemacht worden, eine einheitliche Tracht für das ganze Volk zu schaffen, womit der Kampf gegen die Nachahmung fremder Trachten Hand in Hand ging. Schon im 17. Jh. wandte man sich gegen die französischen Modenarrheiten und klagte im 18. Jh. über die Verwelschung der Tracht. Der Gedanke einer deutschen Nationaltracht fand eine teilweise Erfüllung Anfang des 19. Jh. in der von Studenten und Turnern getragenen altdeutschen Tracht und besonders der von Turnvater Jahn eingeführten Turnertracht.

Auch nach dem zweiten Weltkrieg hat die Frage der Volkstracht die Öffentlichkeit wiederholt bewegt. Zumindest versuchte man im kleinen die landschaftlichen Reste alter Volkstrachten zu bewahren oder, wo sie vergessen waren wieder zu beleben.

Alle diese idealen Bestrebungen übersehen meist die Macht der Mode, die Folge des ausgedehnten Verkehrs, die wirtschaftlichen Tatsachen, besonders den Ersatz der früheren Heimerzeugnisse durch die Fabrikware, dann den Einfluss der immer mehr wachsenden Städte und das Schwinden des bäuerlichen Selbstgefühles, ferner die Geldfrage und den Umstand, dass der heutige Mensch seine Kleidung hauptsächlich nach dem Grundsatz der Zweckmäßigkeit und Billigkeit wählt.

So ist es nicht verwunderlich, dass seit sechzig Jahren nicht nur bei uns in Deutschland, vielmehr auf der ganzen Welt, ein aus Amerika stammendes Kleidungsstück einen ungeahnten Siegeszug angetreten hat, eine Revolution in der Bekleidung auslöste, deren Ende nicht absehbar ist. Gemeint sind die eng geschnittenen und teilweise stark abgetragenen, ausgewaschenen blauen Stoffhosen aus Baumwolle “Marke Jeans”, die Levis Strauss am 20.5.1873 in San Francisco ursprünglich als Arbeitshose auf den Markt gebracht hat und heute in allen Formen von jeder Gesellschaftsschicht bei jeder nur möglichen und unmöglichen Gelegenheit getragen werden.

Hans Lehrer