Kompliment für deine Homepage

Lieber Hans,

Lederhosenwetter, so nennt man doch wohl bei euch in Bayern, dieses herrlich warme Frühlingswetter. Und „Lederhosenwetter“, dachte ich mir, als ich heute meine Arbeit beendet hatte, zog meine Kurze an und setzte mich auf den Balkon. Und da fiel mir eben ein, dass ich dir schon immer mal schreiben und dir ein großes Kompliment zu deiner tollen Homepage machen wollte.

Zunächst aber bitte ich um Pardon, wenn ich dich so vertraut duze, und ich hoffe, du siehst das nicht als plumpe Distanzlosigkeit an. Aber da wir wohl altersmäßig nicht allzu weit auseinander liegen (ich bin 56) und ich mich den Gedanken und Ideen, die du auf deiner Homepage veröffentlicht hast, so verbunden fühle, erlaube ich mir diese Vertrautheit. Und darüber hinaus empfindet man ja auch seltsamerweise eine recht ungewöhnliche Nähe zu einem im Grunde fremden Menschen, wenn man dessen Homepage so über die Jahre immer mal wieder besucht.

Ja, ich bin wohl schon vor zwei oder drei Jahren das erste Mal auf deiner Homepage gewesen, immer auf der Suche nach Informationen zu den Themen „Tracht“ oder besser gesagt „Lederhose“. Um es vorweg zu sagen, ich bin weder Bayer noch Trachtler. Aber ich habe vor etwa 13 Jahren, als ich vier Jahre lang in Bayern lebte, als erwachsener Mann also, die Lederhose wieder neu für mich entdeckt. Ich bin ja weit nördlich des „Weißwurschtäquators“ aufgewachsen, aber auch bei uns war es damals üblich, dass die jungen Burschen im Sommer kurze Lederhosen trugen. Das waren nicht so wunderbare, bestickte aus wertvollem Hirschleder, als vielmehr einfache, graue Raulederhosen mit Umschlag, etwa nach Art der Pfadfinder. Wir trugen sie so ab dem 6. oder 7. Lebensjahr von Mai bis Ende September, wie es das Wetter eben zuließ. Und wir trugen sie Tag für Tag, in der Schule und zum Spielen, nur sonntags für die Kirche und zum Nachmittagskaffee bei Tante und Onkel musste dann eine Stoffhose angezogen werden, in der man sich nicht schmutzig machen durfte. Wenn man so will, war also die Lederhose durchaus auch so etwas wie eine Tracht, eben nur für junge Burschen - und alle meine Kameraden trugen sie. In Wirklichkeit war es aber wohl eher eine Folge der Sparsamkeit der Eltern, denn so eine Lederhose war unverwüstlich und wurde einfach in der Familie oder im Bekanntenkreis „weiter vererbt“, wenn man heraus gewachsen war. (…) Und fast dreißig Jahre später habe ich dann in Bayern, vornehmlich natürlich auf Volksfesten, die Lederhose wieder entdeckt und war sofort fasziniert. Und fortan interessierte mich alles, was mit der Lederhose zu tun hat. Und so kam ich zum Thema „Trachten“, auf die Homepage von Peter Falkenstein, mit dem ich seither gelegentlich sehr freundschaftlich korrespondiere und schließlich auf deine Homepage. Was mich dort aber am meisten fasziniert hat, dass es jemand versteht, fest verwurzelt in der eigenen Tradition, eine Brücke zu einer anderen Kultur zu schlagen. Ich empfinde es immer wieder als eine merkwürdige Widersprüchlichkeit, dass unsere Gesellschaften – hier wie anderswo - im Zeitalter der Globalisierung eine so unsinnige Intoleranz und Engstirnigkeit im Umgang mit anderen Kulturen an den Tag legen. Und diese Engstirnigkeit geht einher – vielleicht zwangsläufig – mit einer geradezu pathologischen Selbstverleugnung der eigenen Kultur. Man denke etwa an die Aussage des baden-württembergischen Ministerpräsidenten, Öttinger, wonach deutsch in Zukunft nur noch eine Sprache für den Abend im Kegelclub sei. Er hat diese Aussage zwar zurück genommen, aber wer mag ihm noch glauben. Während wir uns also offensichtlich mehr und mehr dem abgeschmackten Brei einer internationalisierten Pseudokultur hingeben (und wir in Deutschland auch hierbei mal wieder mit musterschülerhaften Eifer), rebellieren die Völker, denen wir diesen unverdaulichen Brei im Verein mit ihren käuflichen Despoten (Schah von Persien, die Könige und Fürsten der Ölscheichtümer Arabiens, um nur ein paar Beispiele zu nennen) als Inbegriff moderner Lebensart verkaufen wollen und deren eigene Kultur auf schlimmste Weise missachten. „Alles Universale kommt vom Regionalen“, sagte Gustave Flaubert. Interessieren uns etwa an Japan die nach weltweit einheitlichem Standard gebauten Tankstellenhäuschen oder eher die Zen-Gärten und die Teezeremonie. Was bitte soll an Deutschland interessant sein, wenn alles nur ein zweitklassiger Abklatsch von England und Amerika ist. Aber typisch deutsches ist sehr wohl interessant, von der Philosophie Kants bis hin zu den jungen, deutsch-türkischen Filmemachern aus Berlin. Genau so wie typisch französisches interessant und spannend ist, türkisches, brasilianisches. Am langweiligsten und unattraktivsten ist der Einheitsbrei. Und auch deshalb fand ich die Trachtler so interessant, weil sie etwas Typisches in unsere moderne Zeit transportieren, neben der Tracht nämlich auch Brauchtum, Gesang und Tanz. Die offensichtlichen Querelen innerhalb des Funktonärstums und der Vereinsmeierei kann und will ich nicht bewerten. Meine Wahrnehmung als Außenstehender ist allerdings, dass man es bei allen Anstrengungen und Bemühungen viel zu wenig geschafft hat, die Tracht wirklich noch ein wenig in den Alltag zu vermitteln. Auf der Homepage eines Lederhosenherstellers habe ich das wunderbare Zitat gelesen, wonach Tradition eben nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers sei. Meine Meinung zum Trachtentum ist unwesentlich und irrelevant, aber - so von außen betrachtet – denke ich halt schon, dass man sich vielleicht allzu sehr der Anbetung der Asche in eingeweihten Zirkeln verschrieben hat. Wie gesagt, ich bin kein Experte und meine Meinung ist nicht wichtig, ich finde es nur jammerschade, dass das Brauchtum, ie wunderschöne Musik, die herrlichen Tänze und was sicher noch alles dazugehört, was ich gar nicht kenne, nicht wirklich Bestandteil einer in relvantem Maße öffentlich wahr genommenen Kultur sind.

Aber lass mich, lieber Hans, noch zu einem anderen Aspekt kommen, den ich mit deiner Homepage verbinde. Neben den wunderbar einfühlsamen und zum Teil wirklich sehr poetischen Texten habe ich immer deine „Schnappschüsse“ sehr bewundert. Ich habe sehr selten solche Bilder gesehen, die so viel von der „Seele der Menschen“ zeigen, wie bei dir. In der Ästhetikphilosophie Friedrich Schillers heißt es sinngemäß, dass es „das Innere“ sei, was die Schönheit ausmacht. Und so sind alle Menschen, die du da zeigst, schön: ihr Lächeln wie ihr ernster Blick. Es ist eben nicht das körperliche Idealmaß, das fotogene Gesicht, was die Schönheit von Menschen ausmacht, es ist vielmehr ihre Seele. Nicht die hoch bezahlten, internationalen Mannequins sind schön, sondern der Mann und die Frau auf der Straße – in deinen Bildern jedenfalls, der du ihre Seelen auf’s Bild zauberst. Danke für diese Zauberei. Und in diesem Sinn bis ja auch du ein wirklich „schöner Mann“ (nicht falsch verstehen), weil du in dir und in deiner Überzeugung ruhst. Und dazu gehört dann der prächtige Schnurrbart wie auch selbstverständlich die Lederhose. ( ...) So, mein lieber Hans, das war es, was ich dir einmal schreiben wollte. Ich hoffe, ich war nicht unangemessen und du kannst meine Zeilen als das nehmen, als das sie gedacht waren: als ein großes Kompliment an deine wunderbare Homepage.

Ich wünsche dir viel Glück und alles Gute, Reiner