Eine Warnung vor dem Meineid

Meineid ist der wissentlich falsche Schwur.

Der Schwörende weiß, dass er nicht die Wahrheit aussagt. Er handelt also mit Vorbedacht. Das ist der große Unterschied zum Falscheid. Bei diesem ist die inhaltliche Unrichtigkeit dem Schwörenden unbekannt.

Jeder Eid enthält eine direkte Selbstverfluchung. Der Meineidige setzt sich dem von ihm heraufbeschworenen Fluch unmittelbar aus: “Gott strafe mich und meine Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied, wenn ich falsch geschworen habe ... beteuerte einen Meineid leistende Frau vor 100 Jahren. Nach Jahresfrist klagte sie über heftige Schmerzen in der rechten Hand, welche endlich von der Gicht ganz krumm gezogen wurde. Sie gebar einen Sohn und eine Tochter; beiden fehlte an jedem Finger ihrer Hände das letzte Glied. Erst dem Urenkel, der über seine übel gestalteten und zu wenig fähigen Händen sehr niedergeschlagen war, ward endlich wieder ein Sohn mit ganz wohl gebildeten Händen geboren.

Kein Unterschied wird gemacht, ob der Meineid vor Gericht oder ob er rein privat abgeleistet worden ist. Ort und Zeit spielen keine Rolle. Auch ist gleichgültig, ob ein wirklicher Eid (mit Aufheben der Schwurfinger) oder eine bloße Beteuerung etwa bei Gott und den Heiligen, abgelegt wurde.

Die Folgen des unentdeckten Meineids beschäftigten die Volksseele unaufhörlich. Der Meineidige findet keine Ruhe im Grabe. Er geht um in irgendeiner Gestalt, etwa in der eines schwarzen Hundes oder in der “eines kleinen Hündleins, das sich plötzlich in eine formlose schwarze Masse verwandelt”, oder in der eines Ziegenbocks oder in der eines ungewissen Untiers, das zerrissene Ketten hinter sich herschleppt. Der Meineidige wird sofort vom Teufel geholt. Den Meineidigen verschlingt die Erde. Er versinkt, und es bleibt nichts übrig als sein Stab und zwei Schuhe. Meineid bringt noch im gleichen Jahre den Tod. Kann er nicht natürlich sterben, so tötet ihn irgendein Gegenstand. Der Leichnam eines Meineidigen wird schwarz. Er kann im Grabe nicht verwesen. Nägel und Haare wachsen weiter. Sehr häufig ragt die meineidige Hand zum Grabe heraus. Zuweilen wird der Körper schon bei Lebzeiten schwarz. Auch Lähmung, Knochenbruch und Knochenfraß wird auf Meineid zurückgeführt.

Der Meineidige ist für alle Mitmenschen eine Gefahr. Sogar sein Leichnam hat noch einen bösen Blick. Daher soll das ganze Volk vom Meineid abgeschreckt werden.

Gegen die göttlichen Strafen des Meineids kann man sich allerdings sichern, wenn man die zum Schwure erhobene Hand hinter den Rücken hält. Hat man bei falschem Schwure ein Stück Brot unter der Achsel getragen und gibt es dann einem Hund zu fressen, so schadet der Meineid nicht. Wenn jemand beim Schwören die drei Finger der rechten Hand in die Höhe hebt und drei Finger der linken Hand von sich nach unten streckt, so kann er gerne falsch schwören, der Meineid schadet ihm nicht. Leute, die einen Meineid ablegen wollen, nehmen bei einer solchen Gelegenheit einen Stein in den Busen, damit die Folgen dieses falschen Schwures auf den Stein und nicht auf sie fallen.

Der Engel spricht:

O Mensch hüt’ dich vor falschem Eid,
denn der ist Gott von Herzen leid,
verkehrt auch bald die bösen Sinn’
wann Ziel und Wille geht dahin.
Am falschen Schwur gibt’s kein Gewinnen,
als ewig in der Höll’ zu brünnen.
In des tiefen Höllengrund
mit Hand und Finger und mit Mund,
damit dein’ Seele wird verpfändt
dem Teufel ewig ohne End’.

Hans Lehrer