Vom Schnee

Nachdem der Schnee heuer zur absoluten Mangelware geworden ist, sollten wir uns über seine Entstehung und Herkunft , aber auch über seine Eigenschaften, die im Volksglauben überliefert sind, Gedanken machen. Die Ähnlichkeit der wirbelnden Schneeflocken mit Flaumfedern führte zu der bekannten Vorstellung, dass Frau Holle durch Ausschütten ihrer Betten den Schnee bei uns hervorruft. In Schwaben sagt man, der Schnee werde im Sommer klein gehackt oder geschnitzelt oder gehäckselt. Anderswo wiederum klopfen die Müllerbuben ihre Kittel aus. Schneefall, der Schaden bringt, wird auf böse Weiber und Hexen zurückgeführt. Wie andere Naturerscheinungen wurde auch der Schnee personifiziert. Er gleicht einem greisen König, der in der nordischen Mythologie den Namen Snaer, “der Alte” erhielt und dessen Vater Frosti heißt.

Eine Reihe von Wetterregeln und sonstigen Voraussagen stehen mit dem Schnee bzw. Schneefall in Zusammenhang. Will der erste Schnee im Herbst nicht von den Dächern, so bedeutet das einen frühen Frühling; taut er schnell, so wird er im Frühjahr lange liegen bleiben, und es gibt einen späten Frühling. Bei Schneetreiben hat man auf lange andauernden Schnee zu rechnen: Treibschnee ist Bleibschnee; liegt er erst drei Tage, so liegt er auch drei Wochen. Wenn der Schnee im Fallen ans Haus klebt, wird es warm. Schnee, den die Sonne nimmt, kommt wieder. Es wird im Winter so viel Schnee fallen, als Tage sind vom ersten Schneefall bis zum kommenden Neumond. Schnee an den beiden letzten Faschingstagen bedeutet viel Obst und viele Pilze, mancherorts allerdings auch viele Raupen. Der Schnee muss die Zaunpfähle einschneien, sonst gibt es kein Heu. Andreasschnee tut dem Samen weh. Schneit es bei einem Brand, so fängt die Brandstelle am folgenden Tag wieder zu brennen an. Wenn es in den Brautkranz schneit, so bedeutet dies Glück. Aber auch Unglück kann durch Schnee bewirkt werden. Wenn zwischen Weihnachten und Neujahr große Schneeflocken fallen, dann sterben im folgenden Jahr meist alte Leute, bei kleinen Flocken hauptsächlich junge. Eine Regel aus der Oberpfalz lautet: Fällt an Mariae Lichtmess Schnee, dann sterben viele Wöchnerinnen.

Hierher gehört auch eine weit verbreitete Legende, nach der die Muttergottes Maria durch Schneefall Ort, Lage und Größe der ihr versprochenen Kirche, wie sie es wünscht, anzeigt. Die Legende hat sich mit einer Kirche in Rom verbunden; das Fest Mariae Schnee, das nach dem römischen Messbuch am 5. August gefeiert wird, ist darauf zurückzuführen.

Auch Heilkräfte birgt der Schnee nach dem Glauben des Volkes in sich. So soll man bei Frostbeulen die Füße in Schnee baden oder in eiskaltes Wasser stecken. Gegen Augen weh vor allem hilft Schneewasser. Auch zur Vertreibung von Sommersprossen und sonstigen Schönheitsfehlern, überhaupt zur Erzielung von Schönheit dient das Schneewasser, besonders das des Märzschnees.

Über die Herkunft der weißen Farbe des Schnees gibt es in der Oberpfalz folgende schöne Legende: Als Gott alles erschaffen hatte, Gras, Kräuter, Blumen mit ihren bunten Farben, sagte er zum Schnee, der noch allein keine Farbe hatte, er solle sie sich sonst wo suchen, da er ja doch alles fresse. Der geht also zu Gras, Rose, Sonnenblume, Veilchen und bittet um ein bisschen Farbe, wird aber überall abgewiesen. Da denkt er nach, wie er sich rächen könne. Doch da erbarmt sich seiner zuletzt das Schneeglöckchen und bietet ihm sein Mäntelchen an. Daher ist der Schnee allen Blumen Feind, außer dem Schneeglöckchen.

Ein Freund jedoch ist der Schnee allen Kindern, die sich besonders über den ersten Schnee riesig freuen und es kaum erwarten können, den ersten Schneeball zu werfen, einen Schneemann oder eine Schneehöhle zu bauen, mit Schlitten oder Skiern den Hang hinunter zu sausen. Ob Schneekanonen allerdings den Schnee, der vom Himmel fällt, ersetzen können, bezweifle ich.

Hans Lehrer