Wer den Wind sät ...

Der Wind zählt zu den Naturgewalten, von denen der Mensch im guten und bösen Sinn abhängig ist. Wenn wir sagen: Der Wind heult, braust, tobt, rüttelt an Fenster und Tür usw. glaubten unsere Vorfahren an personenbezogene Wesen, übermenschliche Mächte, Riesen, Dämonen oder Götter. Einer alten Sage zufolge sitzt am Rande des Himmels ein Riese in Adlergestalt und verursacht durch das Regen seiner Schwingen den Wind. Herr und Führer der Winde, Windgott, ist in der germanischen Religion Wotan. Er ist der wilde Jäger und Führer des wilden Heeres und braust mit seiner wilden Meute durch die Lüfte. Aber er ist zugleich Toten Gott, und so ziehen in seinem Gefolge die Seelen der Verstorbenen als Windgeister mit. Meist sind es aber ungerechte Richter, grausame Schlossvögte, Sonntagsschänder, leidenschaftliche Jäger, die zur Strafe für ihre Vergehen in der wilden Jagd mitfahren müssen. Unvorsichtige, die dieser Gesellschaft nicht aus dem Weg gehen, werden einfach überrumpelt. Neben der nächtlichen Jagd findet sich auch die “Tagwildnis”, die wie der Name sagt am hellen Tag ihr Unwesen treibt. Oft ist die Erscheinung des wilden Heeres an eine bestimmte Zeit gebunden, die meistens in den Winter fällt.

Der Wind kann aber auch ein Drache sein, der die Luft verpestet und mit Weihrauch und Gebeten am besten vertrieben wird. Ein Winddämon in Gestalt eines Windhundes entführte einst einen Mann aus dem Dorf und warf ihn an einem Kreuzweg nieder, oder er führt die Leute in die Irre und springt ihnen auf den Rücken, wie es ähnlich auch von Nebeldämonen berichtet wird.

Im Wind gehen auch die Fruchtbarkeitsdämonen über die Felder und durchs Korn. Dies sind also Windgeister, die günstig gestimmt werden müssen, wenn sie Fruchtbarkeit schenken sollten. Bei der Ernte lässt man für den Windgott sieben Ähren stehen, auch Obst auf dem Baum bleibt für ihn zurück. Im Lesebuch steht eine Erzählung über den “klugen” Bauern, dessen Getreide unfruchtbar blieb, weil er beim Wettermachen den Wind vergessen hatte. Noch heftiger als ihr Mann, ist die Windsbraut, die man in jedem besonders heftigen Wind, vor allem im Wirbelwind sieht. “Heut’ geht die Windin selber” heißt es dann. “Sie weint gern wie alle Weiber, plaudert gern, kommt oft mit den Hexen in Streit. Während ihr Mann mit dem Besen die Weltkugel fegt und putzt, trägt sie Wasser zu, macht aber gewöhnlich das Übel ärger durch zuviel.”

Die Windsbraut regiert in der Morgenfrühe, im Frühjahr und Sommer, von Süd und West her; ihr Mann im Herbst und Winter, von Nord und Ost. Ist es da verwunderlich, wenn unsere Wirbelstürme männliche und weiblich Vornamen erhalten, wie der Wirbelsturm “Katrina”, der vor ein paar Jahren die nordamerikanische Küste heimgesucht hat oder Kyrill, der in Deutschland großen Schaden anrichtete.

Die Windsbraut jagt mit dem wütenden Heer dahin, und man meint in dem Zucken der Blitze im Sturm die fliegenden und wirren Haarsträhnen der Sturmfrau zu erblicken. Sie ist oft eine für bestimmte Vergehen verwunschene Menschenfrau. In früher Überlieferung wird Herodias, des Herodes Tochter, zur Strafe dafür, dass sie den Tod Johannes des Täufers herbeiführte, von diesem in den Lüften gejagt. Die “Windin” ist ihrer Natur nach dem Menschen feindlich gesinnt und schädigt ihn, wo sie nur kann, und für viele ist die Windsbraut ein böser Dämon oder eine Hexe. Sie zerwühlt das Heu und die Garben, trägt sie auf fremde Äcker, stürzt Heuwagen um, nimmt den Männern ihre Hüte ab und ist toll, wie nur ein Frauenzimmer sein kann. Auch schlechtes Wetter bringt sie und wer in ihren “Zwirbel” gerät, wird verhext oder er bekommt “einen Zug” ab. Geschwollenes Gesicht, Hautausschlag, entzündete Augen, ja völlige Blindheit können die Folgen sein.

Den nötigen Wind, der früher für Seeleute und Fischer so wichtig war, erhält man durch einfaches Herbeipfeifen oder sonstigen Lärm, um den hl. Anton, den Windpatron, der durch sein Einschlafen die Windstille verursacht hat, aufzuwecken. Andererseits versucht man zur Besänftigung des Windes den hl. Anton durch Lieder wieder einzuschläfern.

Von großem Einfluss auf das Wetter ist die Windrichtung. Während Ostwind meist Trockenheit bringt und bei der Bohnenernte im Herbst erwünscht ist, beschert uns der Westwind Feuchtigkeit und ist beim Kartoffelpflanzen erwünscht, weil er “weich“ ist und die Kartoffeln da gut bersten. Heult der Wind im Ofenloch, so wird es kalt. Wenn der Wind auch nachts weht und nicht zu Bette geht, so wird es regnen. Es gibt viele Regeln, die mit dem Wind wohl zu tun haben und trotzdem nicht so richtig aussagekräftig sind.

Zum Schluss sei noch der Kinderreim aus dem Märchen von Hänsel und Gretel angeführt: “der Wind, der Wind, das himmlische Kind”, dessen schöne poetische Fassung auch die übermenschlich-persönliche Vorstellung vom Wind enthält.

Hans Lehrer