Coming out … einst und jetzt

Obwohl ich den Gedanken der Erbsünde ablehne, glaube ich, dass man nicht unbelastet auf die Welt kommt. In der meist unbeschwerten Kindheit, die nur durch die Vorstellung von Gut und Böse getrübt wird, kann man bis zur Geschlechtsreife seiner homosexuellen Veranlagung noch keinen Namen geben. Spätestens aber in der Pubertät spürt man, dass man an “Verbotenem” Lust empfindet, die man am besten verdrängt oder verschweigt. Mit einem gewissen Neid betrachtet man Freunde, die von ihren ersten Abenteuern mit Mädchen erzählen und damit ihre sinnliche Männlichkeit unter Beweis stellen wollen. Auch selbst versucht man eine Freundin zu finden, ohne dass dabei ein großes sexuelles Verlangen dahinter steckt. Lieber mustert man heimlich Männer, zu denen man sich viel mehr hingezogen fühlt, scheut aber den engeren Kontakt, weil man gelernt hat, dass eine Beziehung zwischen Männern verdammenswert und wider die Natur ist. Früher duldete die Umgebung kein Anderssein. Beruflicher Erfolg und Stellung in der Gesellschaft hingen davon ab, dass man nie zugab, schwul zu sein oder unterdrückte es zumindest. Die wenigsten hätten dafür Verständnis gezeigt, und man wäre zum Außenseiter, zum Risiko, vielleicht sogar zum “Aussätzigen” für die Gesellschaft geworden. Dabei sind es besonders die Frauen, denen schwule Männer immer ein Dorn im Auge sein werden, weil sie ihnen buchstäblich durch die Lappen gehen, ihren Einfluss an ihnen verlieren, nicht ihren Verlockungen unterliegen und ihre Verführungskünste als “Eva”, der wir deshalb den Verlust des Paradieses anlasten, bei ihnen ohne Wirkung bleiben.

Schweren Herzens und mit großen Gewissensbissen flüchtet man dennoch in die Ehe und möchte ein guter Ehemann und Familienvater sein. Der Wunsch nach eigenen Kindern ist oft stärker als die Vorbehalte, mit einer Frau ins Bett zu steigen, und schließlich will man ein für alle Mal beweisen, dass man so normal ist, wie jeder andere auch. Es beginnt häufig ein heimlich geführtes Doppelleben. Sich der Verantwortung bewusst, versucht man seinen ehelichen Pflichten nachzukommen und will niemanden enttäuschen. Die heimlichen Blicke, die ungestillten Sehnsüchte aber gelten nach wie vor den Männern. In späteren Jahren versucht man die Fesseln der Ehe etwas zu lockern. Die Kinder werden erwachsen und der eheliche Beischlaf wird immer mehr zur lästigen Routine, bis er einmal ganz abbricht.

Jetzt macht sich verstärkt jene Neigung bemerkbar, gegen die man ein Leben lang angekämpft hat.

Die Gesellschaft hat sich mit der Zeit gewandelt. Besonders in den Städten nimmt die Aufgeschlossenheit für andere Lebensformen zu, und die engstirnige mittelalterliche Moral befindet sich in der modernen und aufgeklärten Welt auf dem Rückzug. Trotzdem ist es noch lange keine Selbstverständlichkeit, seine sexuelle Ausrichtung frei zu wählen. Man geniert sich einfach und hat noch immer Angst, irgendwo erkannt oder “geoutet” zu werden. Sich offen zu seinem Schwulsein zu bekennen, erfordert viel Kraft und Selbstbewusstsein. Immer wieder stoßt man auf Ablehnung, ist man verletzenden Bemerkungen ausgesetzt oder wird lächerlich gemacht und gedemütigt. Andererseits ist man froh, endlich mit diesem Versteckspiel aufhören zu können und hat nur noch den einen Wunsch, seiner eigentlichen Persönlichkeit gerecht zu werden und so zu leben, wie man geschaffen wurde. Viele haben dafür kein Verständnis. Manch “guter” Freund aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis, die eigene Frau, seltener die erwachsenen Kinder, gehen dabei verloren, doch neue Freunde, darunter vielleicht sogar den Partner für das “späte Glück“, lernt man dafür kennen.

Jeder, der sich zu seiner Homosexualität bekennt und auch auslebt, trägt dazu bei, dass Schwulsein eines Tages nichts mehr besonderes ist sondern von den aufgeklärten Menschen als etwas ganz alltägliches toleriert und vielleicht sogar akzeptiert wird. Schwule brauchen keine Therapie und sollten nicht länger diskriminiert werden! Niemand hat das Recht, sie zu verdammen oder zu verurteilen, und niemand sollte sich in Zukunft wegen seiner Neigung schämen oder gar verstecken müssen. Es gibt ihn nicht mehr, zum Glück, den unseligen Paragraphen, der unbescholtene Männer ins Gefängnis oder KZ brachte.

Frage: Wozu sind wir auf Erden?
Antwort: Wir sind auf Erden, nicht um Kinder Gottes zu werden, sondern um Erfahrungen zu sammeln.

Hans Lehrer