Bayerisches Lesebuch

(Seite 181 “Das Lied von der Glocke“)

Meine Volksschulzeit liegt schon mehr als 50 Jahre zurück... Heute bin ich froh, dass ich damals mit meinen Schulbüchern so sorgfältig umgegangen bin; denn ich habe sie alle aufbewahrt und blättere gerne darin. Besonders an den Lesebüchern, die mit den Jahren immer umfangreicher und anspruchsvoller wurden, kann man erkennen, wie sich der Verstand eines jungen Menschen allmählich entwickelt und sein Geist von Jahr zu Jahr zunimmt. Viele Gedichte und Geschichten sind mir noch immer in guter Erinnerung. Es sind vor allem Gedichte, die ich einst auswendig lernen musste und auch heute noch aufsagen kann. Herzstück meines Lesebuches für das siebte und achte Schuljahr aus dem Jahre 1949 ist zweifellos das Gedicht von Friedrich von Schiller: “Das Lied von der Glocke”. Zumindest den Anfang und einige markante Sätze und Weisheiten lernten wir auswendig. Der übrige Text geriet mit den Jahren in Vergessenheit. Als ich mich vor kurzer Zeit wieder einmal mit dem Dichterfürsten Friedrich von Schiller befasste, wurde mir klar, warum ich diesen Dichter ganz besonders verehre. Schiller kämpfte ein Leben lang für die Freiheit der Menschen. Er wollte sie mit seinen Werken herausholen aus der Knechtschaft und Unterdrückung. Er prangerte das Unrecht an und glaubte an eine bessere Zukunft. Doch wozu Freiheit führen kann, musste Schiller in den Auswüchsen der Französischen Revolution selbst feststellen. Ein Abschnitt aus seinem Gedicht von der Glocke hat auch im 21. Jahrhundert überhaupt nicht an Aktualität verloren:

“Freiheit und Gleichheit! hört man schallen,
Der ruh’ge Bürger greift zur Wehr,
Die Straßen füllen sich, die Hallen,
Und Würgerbanden ziehn umher,
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu.
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn,
Weh’ denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden
Und äschert Städt’ und Länder ein.”

Auf traurige Weise behält Schiller bis auf den heutigen Tage mit diesen Zeilen recht, wenn ich an die beiden Weltkriege, an den Rassenwahnsinn im 3. Reich und an die Vernichtungskraft der Atomwaffen, die in den falschen Händen die Apokalypse auslösen können, denke. Nicht die “Weiber” sind es, die zu Hyänen werden, vielmehr wird der menschliche Wahn tagtäglich in den Gräueltaten des Terrorismus sichtbar, und ich finde es geradezu pervers, wenn ein Mullahregime, mit dem Namen Gottes auf den Lippen, sich “des Lichtes Himmelsfackel” ausleihen will, sie zu zünden, um damit vielleicht Städte und Länder einzuäschern

Hans Lehrer