Über das Abnehmen und Aufbehalten des Hutes

Wie der Schuh den Fuß, so kann der Hut auch den Kopf und die Person des Trägers selbst vertreten. Er sitzt auf der höchsten und sichtbarsten Stelle des Körpers, ist daher Gefahren von außen am meisten ausgesetzt, aber andererseits auch besonders geeignet, solche abzuwehren.

Die hohe Bedeutung, welche dem Hut in seiner jahrhunderte alten Tradition zukommt, erklärt sich zu einem großen Teil daraus, dass der Hut ein Standeszeichen war, und ursprünglich nur von Herrschern und Priestern getragen wurde.

Die Kopfbedeckung ist bei den einzelnen Völkern und Volksstämmen, die sich deshalb auch scharf unterscheiden, mit den religiösen und nationalen Überlieferungen eng verwachsen.

Schließlich und endlich ist der Hut seit der Römerzeit auch ein Zeichen der Freiheit, der nur vor Gott, vor dem König und vor dem Tod gezogen bzw. abgenommen wird. Beim Begegnen eines Leichenzuges entblößt man allgemein das Haupt, was freilich auch dem voran getragenen Kreuze gelten kann und bekundet seine Ehrfurcht vor dem Toten und dem Tode. Einen König haben wir schon längst nicht mehr, ziehen aber trotzdem aus Liebe und Ehrfurcht vor unserem Vaterland den Hut, wenn die Nationalhymne abgespielt wird.

Nicht wegzudenken von unseren verschiedenen Trachten ist die männliche Kopfbedeckung in Form eines Hutes, meist geschmückt mit einer Feder, einem Gamsbart oder einem anderen Symbol. Er versinnbildlicht die Herkunft, ist ein überliefertes Standeszeichen und birgt auch die Liebe zur Freiheit in sich. Oft gehört viel Fingerspitzengefühl dazu, um zu wissen, wann der Hut abgenommen wird und wann nicht. Während es allen klar sein dürfte, dass der Hut bei Beerdigungen, in der Kirche und beim Abspielen der Nationalhymne abgenommen wird, beobachtet man immer wieder, dass einige Trachtler während der Mahlzeit den Hut abnehmen und andere wiederum den Hut aufbehalten. Ich bin dazu erzogen worden, die Mütze oder irgend eine andere Kopfbedeckung beim Essen, dem ja bekanntlich das Tischgebet vorausgeht, abzunehmen. Leider habe ich meine Mutter nie gefragt, warum sie darauf bestanden hat. Heute aber mache ich mir Gedanken darüber, was der Grund für diesen Brauch wohl sein könnte und komme zu der wunderbaren Einsicht, dass wir im Tischgebet Gott bitten, unsere Gaben zu segnen. Wir möchten, dass er am Tisch bei uns, wenn auch unsichtbar, Platz nimmt, um mit ihm unser Mahl zu teilen. Ist es da nicht geradezu geboten, den Kopf während des ganzen Essens entblößt zu halten? Nimmt man das Mahl aber in einer größeren Gesellschaft ein, oft gar im Bierzelt, ist es manchmal schwierig für seinen Hut einen geeigneten Platz zu finden. Man möchte das wertvolle Stück lieber im Auge behalten und lässt es sicherheitshalber auf dem Kopf. Da ist es am besten aufgehoben.

Ähnlich ergeht es dem Fähnrich oder dem Gebirgsschützen, wenn er am Gottesdienst teilnimmt. In der einen Hand die Fahne oder das Gewehr, in der anderen Hand den Hut, das passt schlecht zusammen. Schließlich möchte man auch eine Hand frei haben. Vielleicht hat sich deshalb der Brauch entwickelt, um den Hut eine Kordel zu wickeln, als Zeichen dafür, dass man den Hut nicht aus mangelnder Andacht und Ehrfurcht auf dem Kopf behält sondern weil es einfach praktischer ist. Bei vielen Fähnrichen, ihrer Begleitung und den Gebirgsschützen bemerkt man aber, dass die Ehrfurcht, sich vor Gott oder dem Tod zu entblößen größer ist, als das seit langem bestehende Recht, den Hut auf zu behalten. Vor allem während der Hl. Wandlung oder beim Einnehmen der Hl. Kommunion stelle ich dieses Verhalten bei vielen Funktionsträgern fest und finde es auch richtig. An eine schreckliche Zeit erinnert mich der Befehl: “Helm ab zum Gebet!”

Da ist es mir schon lieber, frei zu entscheiden, den Trachtenhut aufzubehalten oder abzunehmen.

Hans Lehrer