Betrachtungen über das Hufeisen

Der Glaube an die Übel abwehrende, Glück bringende Kraft des Hufeisens, ist wohl über die ganze Erde verbreitet und auch in allen deutschen Landschaften reich bezeugt.

Fast immer wird verlangt, dass das Hufeisen gefunden sein muss; doch darf man es nicht suchen. Seine Wirksamkeit wird dadurch beträchtlich erhöht, dass in dem vollständigen Eisen noch die Nägel, zum mindesten drei, stecken.

Schon das Finden eines Hufeisens an sich bedeutet Glück, und man versucht, sich dieses Glück durch den Besitz des Hufeisens zu sichern. Man darf auf keinem Fall an einem Hufeisen vorbeifahren. Daheim wird es nicht nur einfach aufbewahrt, sondern auch an ganz bestimmten Stellen angebracht. In den meisten Fällen wird es auf die Schwelle, häufig aber auch an Haus-, Stall-, Stubentür genagelt. Kraftwagenfahrer befestigen es an Motorrad und Auto, Seeleute nageln es an den Mast ihres Schiffes. Über die richtige Anbringung gehen die Meinungen allerdings auseinander. Bei uns daheim hängt es in senkrechter Lage mit der offenen Seite nach oben, damit das Glück hineinfallen kann. Anderswo wiederum zeigt die offene Seite nach unten.

Die richtige Befestigung aber soll eben im allgemeinen Glück bringen, im besonderen Eheglück, Nahrung, Brot, Käufer und Gewinn. Es soll aber auch Unglück fernhalten und dient daher zum allgemeinen Schutz des Hauses, gegen allen bösen Anfall, gegen Teufel, Hexen, Unholden mancherlei Art und ihren Zauber. Es hilft außerdem gegen Wetterschlag und Feuersbrunst, wie gegen Krankheiten. Man trägt es deshalb auch bei sich als Talisman, hängt es schleifengeschmückt und bronzevergoldet in der Stube auf. Auch wenn die Pferde als Zugtiere von der Straße längst verschwunden sind und es höchst selten vorkommt, dass man ein Hufeisen findet, sind sie noch immer als Geschenkartikel, sowie ihre bildliche Darstellung auf Glückwunschkarten durchaus gebräuchlich.

Ausschlaggebend ist, dass das Hufeisen vom Pferd stammt; wobei sich die hohe Bedeutung des Pferdes in Glauben und Kult der germanischen Vorzeit auch auf das Hufeisen übertragen hat. Auch in den christlichen Votiven fand das Hufeisen seine Verwendung, indem es den Schutzpatronen der Pferde, dem hl. Leonhard und dem hl. Stephan, sowie anderen Heiligen dargebracht und meistens an die Türen der ihnen geweihten Kirchen geschlagen wurde. Allgemein gibt es von den Hufeisen an Kirchentüren sagenhafte Überlieferungen; häufig sind sie Erinnerungszeichen an eine glückliche Errettung einer Person oder Gemeinde von Kriegsnot.

Schließlich tritt das Hufeisen noch in Redewendungen auf, und ich erinnere mich an die Wort jenes evangelischen Pfarrers, der meinen Onkel am Sterbebett besuchte und zu meiner großen Verwunderung anschließend sagte, dass ihm bald die Hufeisen abgerissen werden. Durch das Abreißen der Eisenbeschläge an den Absätzen, wie durch das Ausziehen der Schuhe überhaupt, wird das Ende des Erdenganges symbolisiert, vielleicht will man dadurch auch eine Wiederkehr des Toten verhindern.

Hans Lehrer