Betrachtungen über den Maibaum ... und darüber hinaus

Im Mai zieht der Frühling mit all seiner Segensfülle endgültig ins Land. Er wird mit fröhlicher Musik eingeblasen, und vielerorts wird gleich zu Beginn dieses Wonnemonats ein Maibau aufgestellt oder neu geschmückt, der im weitesten Sinne einen Lebensbaum für die ganze Gemeinde darstellt, in dem die Reste des alten Dorfglaubens stecken.

Bis in die Jetztzeit hat sich dieser Brauch, dessen Ursprung bis ins griechisch-römische Altertum zurück reicht, in ganz Europa und weit darüber hinaus erhalten. Bereits in der Antike schmückte man zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten Häuser und Ställe mit Zweigen und Bäumchen zum Schutz gegen Krankheiten und böse Geister. Im Abendland erscheint der Maibaum erstmals in Urkunden des 13. Jh. Gewöhnlich wird er geschält - “damit die Hexen sich nicht unter der Rinde festsetzen” -, und nur der oberste Wipfel, der eigentliche Träger der Segenskraft, bleibt stehen. In Oberbayern trägt der entrindete Stamm die verschiedenartigsten Figuren. Oberhalb des grünen Wipfels weht die Fahne, unterhalb mehrere. Seine Höhe ist oft ganz gewaltig. Die Burschen klettern wetteifernd an ihm empor und suchen Gegenstände, die an der Krone befestigt sind, zu gewinnen, während andere wiederum in fröhlicher Ausgelassenheit den Maibaum umtanzen. Zehn Jahre mag ich wohl alt gewesen sein, als wir Buben barfuß hinauf kraxeln durften, um uns bunt gefärbte Eier, die der Osterhase verlegt hatte, von ganz oben zu holen.

Noch bevor der Baum errichtet ist, versuchen die Burschen der Nachbarorte ihn oft zu stehlen, der deshalb scharf bewacht werden muss.

Der bunte Aufputz des oberbayerischen Maibaums bleibt darauf, bis er von Wind und Wetter zerstört wird oder im nächsten Mai einem neuen Platz macht. Im Chiemgau und im Inntal wird der Maibaum alle drei bis fünf Jahre erneuert. Die Aufhängung des Kranzes aber geschieht meist jährlich.

Der Ausdruck “Maibaum” kommt wohl von Mai, ist aber an keine Zeit gebunden. Der Baum zog den Menschen schon immer mächtig an und war unter allen Pflanzen diejenige, mit der sich das Leben des Menschen am leichtesten in Beziehung zu setzen schien. Die biblischen Redewendungen von meinem, deinem, seinem Leben, als dem Baume, der da blüht, welkt und stirbt, bezeugen das. Bäume, als Träger der Fruchtbarkeit und des Glücks, Sinnbild für neue Lebensfülle und Stärke, werden neben den verschiedensten Anlässen auch beim Richtfest am neu errichteten Dachstuhl befestigt und mit Bändern geschmückt, Birkenbäumchen mit ihrem frischen Grün werden entlang des Weges der Fronleichnamsprozession aufgestellt und beim Einzug in Jerusalem wurde unser Herr Jesus mit den Zweigen des Palmbaumes begrüßt ... und irgendwie ist auch der Christbaum eine Art Lebensbaum, der alles Böse und Lebensfeindliche verscheuchen möchte und Ausdruck der Hoffnung ist.

Der Baum wird zum Schicksalsbaum, wenn man an die Erzählung der Weltenesche denkt, oder die Geschichte in der Bibel liest, wo vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen die Rede ist. Auch Christi Kreuz ist ein Symbol des Lebens und wird mit dem Baum des Kreuzes identifiziert. Das Kreuz war erwachsen aus den Zweigen des Paradieses, die vom Engel an Stelle des erbetenen Öles an die Verstoßenen zum Zeichen der Barmherzigkeit übergeben wurden. Und bald schon war es Christus selbst, der als Lebensbaum einst im Paradies gestanden hatte.

Hans Lehrer