Betrachtungen über den Wolf

Seit geraumer Zeit treibt sich bei uns in den Bergen zum allgemeinen Schrecken ein einsamer Wolf herum. Viele würden ihn lieber zu seinen Artgenossen in den Zoo bringen oder ihm gar eine Kugel verpassen. Was wissen wir eigentlich über den Wolf, den die meisten von uns nur aus dem Märchen kennen?

Das Wort Wolf ist gotischen Ursprungs und bedeutet soviel wie rauben. Ehrlich gesagt habe auch ich Angst vor dem Wolf, wenn ich an “Rotkäppchen” oder die “Sieben Geißlein” denke und möchte ihm in freier Natur nicht begegnen. Lange Zeit schien der Wolf, dieses gefürchtete Tier, zumindest in unseren Breitengraden ausgestorben zu sein. In vorbiblischer Zeit soll der Wolf sogar ein Schafhirt gewesen sein, wurde aber um seinen Lohn betrogen und reißt nun die Schafe. Seine Stärke ist geringer als die eines Ochsen, deswegen reißt er keinen. Seine Feinde sind nach der Natursage Hund, Fuchs, Bär, Hirsch und Igel, weil letzterer ihn einst betrogen hat.

Der Wolf ist dem Hund ähnlich. Er bewohnt das Gebirge und sumpfige Wälder. Seine Farbe ist grau oder graugelb. Wegen seines steifen Rückens kann er seinen Kopf nicht drehen und muss sich ganz umwenden, wenn er rückwärts schauen will. Er sieht bei Tag schlecht und bei Nacht gut. Die Zähne gelten als sehr scharf. Den langen Schwanz klemmt er beim Gehen zwischen die Beine. Der Wolf ist ein Winter- und Nachttier. Die Helligkeit des Mondes kann er nicht ausstehen, da heult er. Gewöhnlich vereinigen sich mehrere Wölfe zu einem Rudel. Sie jagen zusammen, wobei sie mit großer List und Strategie verfahren. Abends rufen sie sich durch Geheul zusammen. Der Hunger ist groß. Man spricht von einem Wolfshunger, aber er kann lange hungern; darnach frisst er desto mehr auf Vorrat.

Der Wolf ist uns als wildes reißendes, bissiges und blutgieriges Tier bekannt, der aus reiner Mordlust, auch ohne Hunger, reißt. Er ist das böseste Tier unter allen. “Den Wolfspelz anlegen” bedeutet: Gewalt brauchen. Grausame, hartherzige wie treulose Menschen haben wölfische Gesinnung. Wolfsaugen sind tückische Augen. Böse Menschen und Unholde werden Wölfe genannt. Er ist vor allem im Märchen der Fresser, das gierige Tier, unersättlich wie die Hölle.

Vor allem ist er auch ein Feind der Menschen. Oft ist von Kindern, Reisenden die Rede, die überfallen wurden und für deren Rettung dann eine Denksäule, eine Kapelle errichtet wurde. Ja, der Wolf kommt auch zu den Häusern, denn das Menschenfleisch ist süßer als jedes andere.

Die Sage kennt den Wolf aber auch als Wohltäter. Eine Wölfin zieht ausgesetzte Kinder auf, wie Romulus und Remus oder Wolfdietrich, den Stammvater der Türken und Mongolen, und dem Hl. Franziskus reichte einer sogar seine Pfote.

In allen unseren Betrachtungen dürfen wir nicht vergessen, dass auch der Wolf ein Geschöpf Gottes ist und seine Daseinsberechtigung auf dieser Welt hat, wobei es die Menschen schon immer verstanden, sich vor dem Wolf zu schützen, ihm Fallen zu stellen oder noch besser ihn durch List und Tücke zu vertreiben und zu verscheuchen aber bitte ihn nicht gleich zu erschießen.

Hans Lehrer